Kommentatort 15

«Borowski und die Frau am Abgrund»

Im Tatort werden die abwegigsten Morde ersonnen. Da sind Morde, an denen zwischen zwei und zwanzig Personen beliebig viele Mörder beteiligt sind. Da werden Künstlerinnen, die sich mit Engelsflügeln an die Decke hängen lassen, von PTSD-geplagten Bundeswehrscharfschützen abgeballert. Da wird mit Luftdruckpistölchen erschossen oder mit angespitzten Bambusstäben abgeschlachtet, da wird einer entführt, dann der Entführer und sogleich der Entführte ermordet. Selten finden sich Morde, die sich auf die essenzielle Ungeheuerlichkeit des Tatbestands beschränken, auf die alles verkomplizierende und letztlich bagatellisierende «Ein-Dreh-geht-noch-Masche» verzichten und dadurch Fälle von Aktenzeichen-XY-hafter Düsternis und Eindeutigkeit erzeugen.

Der neue Kieler «Borowski und die Frau am Fenster» gehört zu letzterer Kategorie. Das liegt an Charlotte Delius (brillant: Sibylle Canonica). Endlich eine Figur von Tatort-untypischer Stimmigkeit, Verworfenheit, Perfidie. Eine Tierärztin, die den Hund des Nachbarn vergiftet, um ihm näher zu kommen. Als der Nachbar mit einer neuen Freundin auftaucht, tötet Delius sie. Um das perfekte Verbrechen zu begehen, packt sie die Koffer der Toten und lässt die Leiche in einer Jauchegrube verschwinden. Dann bietet sie sich dem angehimmelten Nachbarn als Schulter zum Ausheulen an und redet ihm ein, dass die Freundin ihn verlassen habe. Doch der Nachbar glaubt das nicht und verständigt Kommissar Borowski.

Der hat einiges um die Ohren. Weil sein Vorgesetzter in den Ferien ist, muss er dessen Stellvertretung übernehmen, was hunderterlei Entscheidungen für den doch eher langsamen, pardon: gründlichen Kommissar mit sich bringt. Zu allem Unheil muss er auch noch eine neue Assistentin finden, nachdem Frieda Jung ihn letztes Jahr verlassen hat. Es kommt zu einem Agon der potenziellen Nachfolger, unter denen Borowskis Künftige nervtötend heraussticht, mit einem zwar bestimmt patentgemeldeten, aber dennoch unerträglich süffisanten Grinsen und einer Körpersprache, als ob sie andauernd in der Hängematte läge.

Es kommen Zweifel am Freund der Toten auf. Borowski und die Neue fördern eine Vergangenheit von Einschüchterung und häuslicher Gewalt zu Tag. War er der Mörder? Währenddessen weiss das Publikum alles besser und hat Dauergänsehaut wegen Delius. Die liefert eine Parforceleistung ab (die Ambivalenz eines Mundwinkelzuckens!) und beweist zwei Gesichter (verlangt kein Geld, um die von ihr selbst gequälten Tiere zu verarzten), sät Gerüchte über die Tote und lässt eine Zecke in der Mikrowelle platzen. Wann eine solche Lappalie zuletzt so viel über die Verworfenheit einer Tatort-Mörderin aussagte, ist dem Kommentatort gerade nicht gegenwärtig.

Nachdem der Nachbar als Mörder ausgeschieden ist, gerät ein gutmütiger Bauerntrottel, der als plattdeutsch brummelnde männliche Kassandra glänzt, ins Visier der Ermittlungen. Es stellt sich heraus, dass er etwas über den Verbleib der Toten weiss. Bloss was? Von welcher Hexe redet der da? Derweil lässt sich Borowski von der Mörderin zum Tee einladen. Dabei wird er um ein Haar abgemurkst und nur seine immer noch schmunzelnde Assistentin kann ihn retten.

Fazit: Eine Mörderin, die alle in den Schatten stellt, in einem Tatort, der fast durchgehend überzeugt. Der Fall passt auf einen Bierdeckel, während die Aufklärung abendfüllend bleibt. Die Binnenhandlung mit Borowskis Chef, der sternhagelblau bei ihm unterkommt, ist ebenso stimmig wie die versteckte Geschichte von Delius’ Tochter. Borowskis Neue muss aber dringend an ihrem mokanten Perma-Lächeln arbeiten. Jetzt, wo sie die Rolle hat, darf es ruhig auch mal ein anderer Gesichtsausdruck sein. Das ist kein Casting mehr. Nervig waren das vorhersehbare Ende der Binnenhandlung mit Borowskis Chef und der immer wieder aufflackernde Ulk. Auch die Musik, obschon an und für sich gelungen, bewegte sich zu oft in der Grauzone des akustischen Slapsticks. So entsteht der Eindruck, als sei dieser Tatort vor dem eigenen Mut erschrocken.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.75.

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