Kommentatort 16

«Der Tod ist ein verklemmter Nerd»

Dieser Kommentatort macht das Gegenteil des gestrigen Tatorts: Er beginnt mit dem Anfang und hört nicht damit auf. «Das erste Opfer» ist eine junge Frau, die, fünfzehn Jahre vor der Erzählzeit dieses Tatorts, bei Nacht und Nebel überfahren wird. Die Unfallverursacher seien, wie der Fahrer gegen Ende des Films in einem sehenswerten Monolog einräumt, lange tatenlos neben dem Opfer gestanden. Dann seien sie davongefahren, und weil gerade so beklemmende Musik im Tapedeck lief, schmissen sie die Kassette zur Toten in den Wald. Diesen Song wird der Mörder des eigentlichen Tatorts zur Ankündigung seiner Taten verwenden.

Das zweite Opfer ist Bauunternehmer und arbeitet auf einer Autobahnbaustelle nahe Stuttgart. Man muss nicht erst S21 und den letzten hiesigen Tatort googeln, um zu wissen: Ein Bauunternehmer, der mitten in der Nacht in seinem Baucontainer Überstunden macht, das kann nicht gut gehen. Man muss den Tatort-Schreibern jedoch zugestehen, dass sie sich eine beachtliche Amoktat haben einfallen lassen. Nur so viel: Der Tod fährt Schaufelbagger. Das kracht und man wundert sich nicht, als der Mörder in den verwüsteten Baucontainer klettert, um dem Opfer Blutgerinnungshemmer zu spritzen. Daneben hinterlässt er ein Foto. Nicht lange, und das dritte Opfer glaubt dran. Eine Köchin, entführt, gefesselt, geknebelt und – ebenfalls bei Nacht und Nebel! – auf einer Waldstrasse überrollt. Der Tod fährt Geländewagen, nähert sich mit aufgeblendeten Scheinwerfern, lässt den Motor aufbrüllen und fährt gleich mehrmals über sein Opfer. Auch hier deponiert er das Foto.

Es dauert nicht lange, bis die Fälle zusammenfinden. Spätestens, nachdem an beiden Tatorten dasselbe Foto gefunden wurde, ist klar, dass die Kriminalkommission Stuttgart aufs Ganze geht und eine Sonderkommission gründet. Dies jedoch nicht nur, um die Aufklärung zu beschleunigen, sondern auch, um Kommissar Bootz eine familienverträglichere Work-life-Balance zu ermöglichen. Denn auch dieser Stuttgarter müht sich an den festgefahrenen Inszenierungsmustern von vierzig Jahren Tatort ab: Tatortkommissare lösen die Fälle im Alleingang, allenfalls ein paar Schlaubergereien aus dem Leichenkeller, die amourösen Fehlgriffe der KTU oder kleine Recherchen aus dem Vorzimmer haben in ihren Ermittlungen Platz. Daneben schieben sie Überstunden, bis der Scheidungsrichter kommt und Kinder kriegen sie – falls überhaupt! – erst als pubertierende Flegel frei Haus geliefert (wobei sie es partout erst glauben können, nachdem sie illegale Gentests veranstalteten).

Geradezu aufdringlich wird im neuen Stuttgarter herausgekehrt, dass Kommissar Bootz keine Überstunden machen kann, weil seine Frau nicht zu Hause ist und die Kinder ins Bett müssen. Also bringt Bootz sie ins Bett und zur Schule und schmiert ihnen Stullen. Und selbst als sein Kollege Lanert auf Stippvisite vorbeikommt und die beiden ein Bier trinken, legen sie dazu Wäsche zusammen. Ehrensache, dass sie dabei den Fall besprechen. Die Vereinbarkeit von Mordkommission und Privatleben wird wie immer in Stuttgart doppelt und dreifach betont. Bevor sich die beiden aber auch noch über Kochrezepte austauschen, gilt es, einem korrupten Ex-Staatsanwalt, einem bleichen EDV-Profi und der Familie des ersten Opfers auf die Schliche zu kommen.

Als viertes Opfer wird der Lenker des Unfallwagens entführt und, auf den Tag genau fünfzehn Jahre nach dem ersten Opfer, mit einer aufwendigen Seilkonstruktion über der Strasse aufgehängt und dem erstbesten Auto zum Überfahren vorgeworfen (klingt und ist kompliziert). Dieser gescheiterte Mordversuch wirkt lächerlich im Vergleich zum zweiten und dritten, die vor Glaubwürdigkeit und Perfidie nur so strotzten. So kommt es zu einem fünften Opfer: Das ist der Film an und für sich, der am Ende völlig versemmelt wird. Schade um einen ausgezeichneten Tatort. Aber der Tod ist eben nicht nur Bagger- und Geländewagenfahrer, sondern auch ein verklemmter Nerd, der mit seinem Gewissen hadert und vor der eigenen Tat zurückschreckt.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.5.

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