Kommentatort 19

Tödlicher Anstandswauwau

Quotengarant und Splatterfan Henning Mankell schrieb die Geschichte des neuen Kieler Tatorts „Borowski und der coole Hund“. Das lässt selbst nach dem letzten Mankell-Borowski einiges erwarten oder, wie der Kommentatort findet: befürchten. Zur Erinnerung: Damals zerhäckselten gelangweilte Schnösel Leichen und schossen mit der Armbrust auf Bären. Mittelalterlich irgendwie. Und dieses Mal?

Dieses Mal grüsst Rambo (der erste Teil), der ja nicht nur manisch herumballert, sondern auch ein verkappter Schreiner ist. Aber der Reihe nach. Ina Santamaria watet mit ihrem Liebhaber durch einen Badesee. Santamaria und ihr Liebhaber haben sich in einem Sexchatroom kennengelernt. Dort hat sie sehr, sehr viele Liebhaber kennen gelernt. Dieser Tatort bringt es ungeniert fertig, 90 Minuten auf diesem Widerspruch zwischen ihrem Namen und ihrem Lebenswandel herumzureiten. Sehr langweilig. Hinterher springt Santamarias Sexpartner in den Badesee. Wenn da nur nicht diese Vorrichtung aus angespitzten Bambusstäben unterm Sprungbrett stünde.

Es stellt sich heraus, dass Santamarias gepfählter Liebhaber Tollwut hatte. Natürlich wurde er nicht einfach von einer Fledermaus gebissen. Alles hängt mit der Bambusfalle zusammen. Die Pressemappe betreibt Aufklärungsarbeit: „Offenbar verfolgt der Mörder einen finsteren Racheplan, in dem er sein Opfer mit Tollwut infiziert und anschliessend aufspiesst.“ Klingt umständlich, aber he, das ist ja auch ein Mankell. Der Mörder ist übrigens ein Verehrer von Santamaria. Sauber ausgedacht: Er gibt den tödlichen Anstandswauwau und räumt Santamarias Liebhaber aus dem Weg. Solche schwankhaften Anlagen stellt sich Mankell also unter einem Krimi vor.

Ebenfalls fragwürdig ist die Figur des titelgebenden „coolen Hunds“, Stefan Enberg, eines schwedischen Kommissars, der Borowski und Brandt unter die Arme greift. Ein Fall von Tollwut führt ihn nach Kiel. Aha. Warum ein schwedischer Kommissar in Deutschland mit seiner Dienstkanone herumwedelt wie andere Touristen mit ihren Kameras, bleibt ein Rätsel. Rätselhaft auch Enbergs Abgang, der einem garantiert auch dann déjà-vu vorkommen wird, wenn „Borowski und der coole Hund“ der einzige Mankell ist, den man kennt.

Ein echt leidiges Thema an diesem Tatort ist Borowskis neue Assistentin Sarah Brandt. Dass sie sich nur des einen Gesichtsausdrucks bedient, geht ja noch an. Dass sie aber schon wieder nach Lust und Laune ohne richterliche Befugnis in den Festplatten und Schubladen der Verdächtigen herumwühlt, als gäbe es keine gerichtstauglicheren Beweise, lässt um die Entwicklung des Kieler Tatorts bangen. Brandts Vorgehen soll Ehrgeiz markieren, wirkt aber schon beim zweiten Durchgang nur mehr schmierenkomödiantisch.

Am besten ist dieser sehr unterdurchschnittliche Tatort dort, wo er sich im Genre irrt. Dort, wo spätnachts die Diele knarrt, Schritte hinter einer verschlossenen Tür zu hören sind, wo ein Schatten im Lichtstreifen des Türspalts zu sehen ist. Dort also, wo jeder weniger ambitiöse Serienmörder sich zu einer banalen, affektgesteuerten Bluttat hinreissen lassen würde, anstatt sich auf so umständliche Abmurksvarianten wie Tollwut-Vergiftung, Pfählung oder Eine-Nichtschwimmerin-mit-betäubten-Beinen-ins-Wasser-Schmeissen zu kaprizieren.

Doch wie stellt dieser Tatort so geschichtskundig fest? Pfählen, das war im Mittelalter eine gängige Hinrichtungsart. Stimmt. Also muss man wohl froh sein, dass Mankell nicht länger googelte. Weil er sonst garantiert mit noch abstruseren Mordmethoden aufgetrumpft hätte: „Nachdem es mit dem Scheiterhaufen nicht klappte, entführt der Mörder sein Opfer und vierteilt es mit der Hilfe von drei Komplizen zwischen vier Volvos.“ Das würde übrigens zu vielen neueren Tatorten passen, wo auch schon mal ein Schaufelbagger oder ein Aquarium als Mordwaffe herhalten muss. So gesehen sind wir mit der Tollwut und dem zusammengesteckten Mordsmöbel aus Bambus noch glimpflich davongekommen. Nützt diesem Tatort aber nichts. Rein gar nichts.

Note auf der „Wie-einst-Lily“-„Nie-wieder-frei-Sein“-Skala*: 2.

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7 Responses to Kommentatort 19

  1. andy s. sagt:

    Eine Falle für alle Fälle

    Schlimm mit dieser Eifersucht in meiner Brust, schwierig mit all den High-Tech-Spielzeugen, mit denen ich die Weiber stalke, so dass ich nachher mühsam den bösen Sex-Chattern Tollwut einimpfen muss, und falls das nicht funktioniert, werden sie noch kurz gepfählt (OK, jeder Bulle rennt ja sofort in ein dunkles, leerstehendes und meist baufälliges Gebäude, ist also selbst schuld), brilliant dagegen, dass ich hellsehenderweise wusste, dass der schwedische Stecher nochmals zum Mädel zurückgeht und so meine Falle in der Nähe vorbereiten konnte. Oder habe ich etwa immer eine Falle für alle Fälle vorbereitet (man weiss ja nie, wenn man jemanden pfählen muss – und das mit der Tollwut war ja wohl nix). Ich bin also mit mir im Reinen: Selbstzweifel kommen mir nur am Schluss, warum will ich plötzlich ausgerechnet jene Tante umbringen, wegen der ich die anderen Nasen auf unappetitlichste und aufwändigste Art umgebracht habe. Immerhin hat mich der wodkaverstrahlte Kommissar Zufall mit seiner anonym-narkotischen Zahnärztin zur Strecke gebracht, sodass ich drüber nachdenken kann.

    Egal, da fahre ich lieber mal den Wagen vor (für Meister Mankell)

    • admin sagt:

      Ich fahr schon mal den Wagen vor: Stimmt, das ist eine der besseren Stellen. Auch den Schenkelklopfer am Anfang mit der asservierten, vollgeschnoderten Lümmeltüte fand ich o. k. …

      Sonst eine Häufung von Ungereimtheiten und billigen Splattermomenten.

      Kann man nur hoffen, dass der Wagen für Mankell und den Tatort nicht nur VOR- sondern auch ABgefahren ist!

  2. admin sagt:

    Korrigendum

    Wer den Presseunterlagen vertraut, bezeichnet schnell einmal, wie der Kommentatort, die Kieler Förde als Badesee. Das geht natürlich gar nicht. Zum Glück gibts aufmerksame Facebook-User.

    Die Kieler Förde ist KEIN Badesee, ich wiederhole – die Kieler Förde ist KEIN Badesee.

    Sorry Kiel, sorry Förde.

    Kleine Genugtuung: http://de.wikipedia.org/wiki/Kieler_Förde

  3. Thomas o sagt:

    Nun, ich fand, es gab einige Gänsehautmomente, und das ist ein wichtiger Aspekt an einem Krimi oder Tatort. Die Story war einfach, aber zu kompliziert konstruiert, wenn man das so sagen kann. Der alte Schwede war völlig überflüssig, sowohl die Tollwut-Hunde in Schweden als auch der Besuch. Nur um einen etwas härteren Touch bei gewissen Ermittlerstellen einzubauen, wäre es nicht nötig gewesen, den auftreten zu lassen. Aber schliesslich brauchte es ja einen, der kurz vor seinem Tod ein mysteriöses Kreuz an die Wand malt, völlig unglaubwürdig. Ich hatte schon schnell die SamariterIN im Verdacht. Aber eben, who dunnit; es darf nicht zu nah liegen, also nochmals ganz knapp daneben.

    • admin sagt:

      Ja, es gab Momente, da funktionierte die Kiste – wenn auch nur als Thriller. Was das Kreuz betrifft: Sehr viel Symbolismus. Erst dachte ich, es sei ein Häkli, so im Sinn von: been there, done that.

  4. Dämlicher sagt:

    Peinliche “Kritik”
    Da nimmt sich jemand gaaaanz wichtig. Geh lieber wieder zur Schule.

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