Kommentatort 23

Im Verliess

In „Schwarze Tiger, weisse Löwen“ blickt die Hannoveraner Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm in die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade. Der beklemmendste Tatort des Jahres 2011.

Lindholm baut einen Autounfall. Während sie auf den Abschleppdienst wartet, fallen ihr streunende Tiere auf. Kurz darauf fährt ein Spiesser vorbei und bietet ihr Hilfe an. Etwas Beklemmendes geht von ihm aus. Nachdem der Spiesser zu Hause angekommen ist, zerreisst ihn eine Explosion. Vor dem Anschlag wurden alle Tiere aus dem im selben Haus befindlichen Tierheim frei gelassen. Lindholm macht sich an die Ermittlungen. Dabei gerät sie einer örtlichen Kommissarin ins Gehege, die sich um die Explosion kümmern muss, aber eigentlich in einem Entführungsfall ermittelt. Natürlich gehören die beiden Fälle zusammen – schliesslich kann man den „Tatort“ zwar in 123 Sekunden karikieren, jedoch nicht in 90 Minuten neu erfinden (wird ab und an versucht, seilt aber regelmässig ab, zuletzt mit Variete, Special-Effects und grossschauspierischer Grossschauspielerei). Nur so viel: Der Zusammenhang von Explosion und Entführung birgt ein Schockerlebnis klaustrophobischer Dichte.

Kommissarin Lindholm fiebert derweil einem Rendezvous mit Jan entgegen. Jan soll auch in den kommenden Ausgaben immer wieder auftauchen. Nach dem Abgang von Lindholms krimischreibenden Mitbewohner ist er das neue Fenster in ihr Privatleben. Da er Journalist ist, ist klar, dass sie früher oder später nicht nur im Bett, sondern auch in der Aufklärung eines Falles zusammenkommen werden. Noch aber ist es nicht so weit, die beiden verpassen sich und servieren sich gegenseitig ab, was Lindholm anfangs mehr zusetzt als der Fall. Ja, sie nimmt sich sogar – eine Premiere im Tatort-Land, wo die gelungene Work-Life-Balance ein selten inszeniertes Fremdwort ist – einen Abend frei, um ihm nachzupirschen.

Dafür hat sie bald keine Zeit mehr. Es taucht eine junge Frau auf, die in der Gartenlaube des in die Luft Gesprengten eingebrochen ist. Der Getötete führte das perfekte Doppelleben: In seiner Gartenlaube finden sich Kinderkleider, Kinderzeichnungen, Kinderspielzeuge – alles, nur kein Kind. Seine Frau wusste nichts von der Laube, wusste nicht, dass ihr Mann nur halbtags arbeitete, wusste nicht, dass er ihren Familiennamen annahm, weil er sich auf der Flucht befand.

„Schwarze Tiger, weisse Löwen“ beweist, dass man eine Tatort-Kommissarin auch nach 19 Einsätzen ohne Tamtam und Anbiederung an Quote, Publikumsgeschmack, Schauspieler-Egos, Trends oder Regieflausen neu beleben kann. Hier geschieht dies mit der Einführung von Lindholms Lover, dessen Balz- und Kopulationsverhalten die Kommissarin ins Schwitzen bringt, aber auch mit einem Fall, der ihr die Decke auf den Kopf fallen lässt und ihr das Letzte abverlangt.

Wie die Ungeheuerlichkeit des Falles in einer einzigen Szene eingefangen wird, auf wenigen Quadratmetern Beton, in einem viel zu engen Verliess, wird nur selten in Tatorten gesehen. Zwar ist die Täterschaft keine Überraschung und die Abmurksmethode, wie so oft, ein bisschen gar ausgefuchst. Das macht aber nichts, denn der Weg bis zur Aufklärung ist absolut sehenswert. Am Ende gerät nicht nur Kommissarin Lindholm in Konflikt mit ihrem Gewissen. Auch der Kommentatort verflucht die Tatorthodoxie, die verlangt, dass der Täter nach 90 Minuten abgeführt werden muss.

Hier wird ein heisses Eisen angefasst; mit wenigen Pinselstrichen werden Schicksale heraufbeschworen, die mit schockierender Regelmässigkeit durch die Medien spuken. Das Thema wird ohne Zeigefinger, Komplikationen oder gesellschaftliche Pädagogik dargestellt. Nur wenige Ungereimtheiten trüben das Bild. Fazit: Eine ausgezeichnete Kommissarin nimmt noch mehr Fahrt auf und lässt auf die nächsten 19 Einsätze hoffen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5,5.

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4 Responses to Kommentatort 23

  1. Ilona sagt:

    Genau so ist doch das Leben, ungereimt. Viele Dinge passen scheinbar nicht zusammen. Ich fand diesen Tatort einer der Besten.

    • admin sagt:

      „Schwarze Tiger, weisse Löwen“ gehört auch bei mir zu den Höhepunkten des Tatort-Jahres. Vielleicht wars gerade der Kontrast zwischen dem Fall und den privaten Angelegenheiten, was diesen Eindruck verstärkte.

  2. Stefan sagt:

    Naja, es gibt wohl kein Frauenklischee, das im neuen Tatort nicht aufgegriffen wird:
    Ein Autounfall, Liebeskummer, ein Teddy im Bett, mal wieder den Ausweis vergessen, unpraktisches Schuhwerk/Ersatzschuhe im Kofferraum, einen Nervenzusammenbruch…

    • admin sagt:

      Stimmt, leider. Das habe ich mit ‘wenige Ungereimtheiten’ gemeint. Besonders die Schuhe und der verlorene Ausweis: Seltsam. Der Liebeskummer gehört wohl zur längerfristigen Neu-Positionierung der Kommissarin, kann ich akzeptieren, schliesslich war Lindholm manchmal in der Kritik als Gefrierfach vom Dienst. Nach 19 Tatorten und dem Abgang ihres Mitbewohners ist frischer Wind nötig. Die Nervensache fand ich plausibel, nicht klischiert: Angesichts des Falls. Den Teddy habe ich verpasst, war da was?

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