Kommentatort 24

Ein Tatort wie keiner

Der verdeckte Hamburger Tatort-Ermittler Cenk Batu läuft in “Der Weg ins Paradies” zu Höchstform auf. Es ist ein Film, der mit vielen Tathorthodoxien bricht, ohne beliebig zu werden.

Das erste Bild überrascht im eng abgezirkelten Tatort-Land: Eine Stadtansicht von Marakesch. Ein bleichbärtiger junger Mann geht ins Internetcafé und videochattet mit einem bärtig-bleichen jungen Mann. Sie reden so vehement von einer Hochzeit, dass der letzte Depp begreift, dass es um einen Bombenanschlag geht. Eine Gruppe Geheimdienstler betritt das Internetcafé. Der Chatter flieht und sprengt sich in die Luft. Er war Mitglied einer Hamburger Terrorzelle.

Cenk Batu wird aufgefordert, die Rolle eines Extremisten zu übernehmen und herauszufinden, ob die Zelle in Hamburg einen Anschlag plane. Batu verwandelt sich in einen bärtigen Radikalen und lässt sich im Männerheim einquartieren. Seine Kontaktaufnahme zu den Schläfern ist manchmal ein bisschen scherenschnittartig, niemals aber peinlich wie in anderen Tatorten, die sich in vergleichbaren gesellschaftlichen Biotopen bewegen.

Batu findet den Weg in die Terrorzelle und trifft auf das Superhirn der Gruppe, einen deutschen Konvertiten und Videochatter, 31, hochintelligent, neurotisch, selbstgefällig. Er und sein Grüppchen planen einen Anschlag auf Afghanistan-Rückkehrer der Bundeswehr. Seine Komplizen kompensieren mangelnde Intelligenz mit Gehorsam, Koran-Zitaten und gesellschaftlichen Grobschlächtigkeiten. Aber auch das Mastermind der Gruppe wird demontiert. Oder wie bedrohlich erscheint ein Terrorist, der das das Amoniaknitrat für den Bau der Bombe ausgerechnet beim gehassten Vater in der Garage lagert? Auch der ominöse Auftraggeber der Terrorzelle ist nicht über jeden Zweifel erhaben: Was führt er im Schild? Warum schweigt der Oberterrorist, als er Batus verstecktes Mikrofon entdeckt? Wie viele Geheimdienste sind hier beteiligt? Nach und nach entfaltet sich eine atemlose Spannung, nur noch selten ist klar, wer im Dunkeln tappt und wer nicht.

Heraus kommt ein Film, der spannend ist von der ersten Explosion bis zur finalen Schiesserei. Wie Batu in die gänzlich neue Rolle schlüpft, sich vom Tatort-Kommissar weg verwandelt, ist gross. Man fragt sich, warum ausgerechnet Cenk Batu sich vom Tatort zurückzieht. Von der Kritik wurde der Hamburger Tatort regelmässig und meist zurecht gelobt. Unter Verweis auf die Arbeit an seiner internationalen Karriere verzichtet Batu-Darsteller Mehmet Kurtulus auf weitere verdeckte Einsätze in Hamburg. Dass der Hamburger sich mit einem solchen Steigerungslauf verabschiedet und in der zweitletzten Folge den Tatort neu definiert, freut.

Denn “Der Weg ins Paradies” ist kein Tatort im engeren Sinn; vielmehr liegt eine mutige Genreüberschreitung vor. Es ist ein Geheimdienststück, voller konspirativer Treffen, V-Leuten, Überwachung, Instrumentalisierungen, Intrigen, Gegenintrigen. Mehmet Kurtulus’ Gabe, sich von Tatort zu Tatort zu verwandeln, mag dem ganz grossen Erfolg seiner Figur hinderlich gewesen sein. Den Tatort als Reihe bringt es jedoch um Welten weiter. Es wird nämlich, als die Bombe hochgeht, nicht nur ein Linienbus, sondern auch alle Erwartungen an die Problemzonen-Tatorte pulverisiert. Problemzonen-Tatorte nehmen sich heisser Eisen an (Genitalverstümmelung! Muslimische Fussballerinnen!), sind aber oft der Garant für pauschalisierendes Geschwurbel oder verkrampfte Probleme-in-Watte-Packerei. Dieser Vor-Abschieds-Film aber setzt die Messlatte in diesem Tatort-Subgenre verflixt hoch. Wie traurig, dass hier mit der Liebesgeschichte zwischen Batu und seiner Kneipenbekanntschaft unübersehbar am Ende des Hamburger Tatorts gewerkelt wird. Eigentlich müsste man “Der Weg ins Paradies” ausser Konkurrenz laufen lassen, da er nur peripher mit einem klassischen Tatort zu tun hat. Egal, denn das ist ein Tatort wie keiner. Die verdiente Höchstnote auf der “Wie einst Lili”-”Nie wieder frei sein”-Skala.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 6.

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