Kommentatort 25

Schlussfahrt zum Ende

Die Saarbrückner Tatort-Kommissare Deininger und Kappl verabschieden sich in „Verschleppt“ mit einer beklemmenden Höllenfahrt vom Publikum.

Jäher kann das Ende nicht beginnen: Ein bleiches Mädchen rennt panisch die Autobahn entlang. Sie wurde entführt. Die Verkehrslawine rollt achtlos an ihr vorbei – wenig später ist sie tot. Kappl und Deininger nehmen die Ermittlungen auf. Das Opfer wurde in einer Hochhaussiedlung gefunden, in welcher ein vorbestrafter Pädophiler wohnt. Noch ehe die Ermittlungen auf Touren kommen, taucht ein weiteres Entführungsopfer auf. Wie ein Fötus liegt das Mädchen in einer grossen Kiste, mindestens ein Jahr lang war sie entführt. Sie lebt noch, ist jedoch zu verstört, um den Kommissaren bei der Arbeit behilflich zu sein. Sofort wird eine Sonderkommission gebildet.

Den Kommissaren gehen die Fälle an die Nieren. Besonders Deininger, das schnauzbärtige Auslaufsmodell von einem Hornbrillen tragenden Tatortkommissar, wird hart getroffen. Man sieht, wie es in ihm köchelt und wabert – echte Wut und Hilflosigkeit, wo andere Tatort-Kommissare zu seichtem Schauspielerstadl greifen. Deininger war vor Jahren federführender Kommissar bei einer Kindsentführung. Ihm setzen die gefundenen Mädchen zu, weil er eine Verbindung zwischen dem neuen und dem alten Fall erkennt.

Die SOKO arbeitet auf Hochtouren. In der Wohnung eines Verdächtigen werden Kinderbücher und Kinderfilme gefunden. Deininger verstrickt und verrennt sich in seinen Vermutungen. Es zerreisst ihn vor Wut und er stürzt sich auf den Arzt des Verdächtigen – ein schäumender, brüllender Wutanfall, der im letzthin eher emotionsarmen Tatortland seinesgleichen sucht.

Die Ermittlungen kommen nicht vom Fleck; die Entdeckung einer dritten Entführung wirkt als Fanal zu noch konzentrierterer Ermittlungsarbeit. Immer wieder flackern grausige Erinnerungen auf, man sieht das entführte Mädchen in ihrem Verliess, dazu rattert eine Lüftungsanlage, derweil aus Lautsprechern Kasernenhofstimmen bellen und die Mädchen herumkommandieren, sie mit giftigen Chemikalien ihre Verliesse schrubben und scheuern lassen: Eine immer alptraumhaftere Note durchwirkt diesen Tatort.

Im Lauf der Ermittlungen vermischen sich Ermittlungsarbeit und Bauchgefühle. Der Arzt des Verdächtigen verweist auf die persönlichen Entwicklungen, die Menschen solche Entführungen begehen lässt – dafür wird er von den Kommissaren prompt als Schlaffi abgestempelt. Der wutschnaubende Kommissar Deininger hält die Ermittlungen nur noch saufend aus.

Der Fall zermürbt die Kommissare und alle an der SOKO Beteiligten. Alptraumhaft verdichtet sich alles zum Schrammeln und Wimmern von Geigen. Gerade als kein Weg mehr weiterführt, stellt sich mit Werner Maler ein hyperkorrekt gescheitelter, mit Aktentasche auftretender Gutbürger bei den Kommissaren vor. Er will durch reinen Zufall, als er nach einem verschwundenen Freund schaute, die entführten Mädchen entdeckt haben. Er führt die Kommissare zum Haus seines Freundes. Dort finden sich die Spuren der Mädchen, jedoch nicht die entführten Mädchen. Es beginnt eine Reise in die Unterwelt, eine Höllenfahrt in immer tiefere Abgründe. Kommissar Deininger bricht zusammen, weil er schon vor Jahren im selben Haus war und sogar mit dem verschwundenen Besitzer sprach.

Die Saarbrückner Kommissare Deininger und Kappl verabschieden sich mit ihrem stärksten Auftritt seit Langem (wenn auch deren letzter Fall die Latte sehr niedrig hängt). Getreu dem Motto, aufzuhören, so lange es am schönsten ist, wird hier noch einmal deutlich, was das Tatort-Land mit Kappl und Deininger verliert: Zwar wurde das Thema Kindsentführungen im Lindholm-Tatort „Schwarze Tiger, weisse Löwen“ neulich eindringlicher, da sachlicher angegangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler angesichts des Falles wurde jedoch schon lange nicht mehr so drastisch gezeigt. Diese zwei Kommissare sollen ersetzt werden? „Die Zeit der Märchen läuft ab“, sagt Deininger zu Kappl – der Saarbrückner Tatort ist nach nur sieben Folgen aus.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.75

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