Kommentatort 26

Bananenkrümmungsregulierungs-republikanische Korrektheit

Wie länglich neunzig Minuten sein können, beweisen die Konstanzer Tatort-Kommissare Blum und Perlmann in “Schmuggler” einmal mehr.

Zwei Grenzbeamte winken einen Wagen an den Strassenrand. Der Autofahrer verhält sich, als ob er mindestens seinen Eigenbedarf an Koks schmuggelt. Im Handschuhfach findet der Grenzbeamte das heiss ersehnte Minigrip. Herr Krämer, der Schmuggler (dessen Name ebenso gegen die These vom Eigenbedarf spricht wie die sichergestellte Menge Koks), versucht sich in Bestechung. Er bietet den Beamten einen Hunni für seine Freiheit. Der Grenzbeamte wirft Krämer an den Kopf, dass das doch keine Bananenrepublik sei; tatsächlich ist Krämer auch an den Falschen geraten, an einen Beamten von geradezu bananenkrümmungsregulierungs-republikanischer Korrektheit. Krämer wird auf den Grenzposten verfrachtet. Der Grenzbeamte, der den Schmuggler festnahm, nutzt den Feierabend, um seine Kollegen zu beschnüffeln. Bald wird er tot gefunden.

Nicht lange und ein raffgieriger Schweizer Banker, Herr Röthli, geht aufs Besucherklo des Grenzpostens. Röthli ist, den hochdeutschen Kommentatort-Lesern seis anvertraut, ein mehr oder weniger landestypischer Name, der sich aus ‘Roth’ und der im Norden für so landestypisch gehaltenen Verkleinerungssilbe ‘-li’ zusammensetzt. In jedem anderen Tatort hiesse derselbe Typ Banker Roth oder Rother. Am Schwabenmeer heisst er Röthli. Röthli verstaut einen Kassiber mit zwei Hunnis auf dem Grenzposten-Besucher-Klo. Warum wohl kontrolliert niemand ihn und seine Limousine, obwohl dem auf Notengeld-Druckfarbe abgerichteten Polizeihund die Zunge raushängt und die Lefzen nur so glitzern?

Es folgen Variationen zum Thema: “Stümperhafte Schmuggler schaffen 30’000 Euro über die Grenze”. Der hohle Gehstock kommt dabei ebenso zum Stelldichein wie eine ausgehöhlte Bibel. Solche Kinkerlitzchen hat Herr Röthli von der, um es einmal so zu sagen, grenznah gelegenen Schweizer Privatbank nicht nötig. Er ködert seine Kunden mit Steuerfreiheit und Schoggipralinen, fährt deren Kohle mit der gepanzerten Karre spazieren. Röthlis Broterwerb, das Schwarzgeldwaschen, wird auch auf der wörtlichen Ebene ausbuchstabiert: Hat er doch einen Putzfimmel und schrubbt und wischt sogar die Zelle, die ihm die Konstanzer Polizei freundlicherweise unentgeltlich zur Verfügung stellt, wie ein Blöder.

Ein Wurstfabrikant und Lokalpolitiker besucht die Kripo Konstanz und stellt die Anwesenden auf Sparrunden ein. Kommissar Perlmann nutzt die Gelegenheit, um die Lippen zu schürzen und ein Sprüchlein von sich zu geben wie der Kommentatort weiland aus der hintersten Reihe im VWL-Unterricht. Auch das Auftreten einer neuen Assistentin, die die unvergessliche Beckle ersetzt, weiss Perlmann zu nutzen. Die Neue könne nicht aus Konstanz sein, sülzt er, sonst wäre sie ihm aufgefallen. Die neue Assistentin nimmt Perlmanns Triebhaftigkeit sportlich und stürzt sich in ein schwachsinniges, vom lokalen Wurstpolitiker initiiertes Unterfangen, in einen Agon der Sich-selbst-Wegsparer, in ein lustiges Kampfsparen mit dem einzigen Ziel, mehr zu sparen als alle anderen Abteilungen. So viel Einsatz würde Blum und Perlmann übrigens auch gut tun. Doch denen sind angesichts des Drehbuchs die Hände gebunden. Kommissarin Klara “Das Orakel von Konstanz” Blum ahnt einmal mehr die verzwacktesten Zusammenhänge, weiss aus dem Stegreif, wer die Ex-Geliebte des Toten war und welche Körbchengrösse sie hat. Ach, wenn Frau Blum ihren Spürsinn auf ihren Ermittlungspartner Perlmann anwenden würde. Dann müsste er sich nicht in der Wohnung des Toten KO hauen lassen.

Ganz nebenbei lösen Perlmann und Blum übrigens auch den Fall. Die Aufklärung wird noch einen Toten fordern. Perlmann baggert und behebt die Sparhysterie im Hauruckverfahren und mit süffisantem Grinsen.

Fazit: Dieser Tatort zeigt, wonach sich 90 Minuten anfühlen: Nach 5400 Sekunden (wovon man den packenden Vorspann abziehen muss). Einzig der Vergleich mit der letzten Konstanzer Episode treibt die Note nach oben.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.25.

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