Kommentatort 27

Da muama sich ned einiteufeln

Der Wiener Tatort-Kommissar Moritz Eisner hat einen Mordsschnupfen, geht aber trotzdem mit Bibi Eisner zur Arbeit, denn auch für ihn gilt das Motto dieses Films: “Kein Entkommen”.

Der österreichsiche Tatort lebt von den ersten Bildern. In kaum einem anderen Tatort werden die Toten noch schneller noch drastischer serviert. Sei es, dass nackte Erschossene auf nächtlichen Parkdecks in Einkaufswagen herumbugsiert werden. Sei es, dass der lokale Baulöwe eines Tages aus atemberaubender Höhe am eigenen Kran baumelt. Mit diesem Hintergrundwissen im Kopf kann man den brillentragenden, erzsympathischen, schlacksigen Studenten, der beim neusten Wiener Tatort gleich nach dem Vorspann mit dem Lieferwagen vorfährt, natürlich kaum beneiden. Tatsache! Nicht lange und ein Killer schleicht heran und schiesst den Studenten ab, piff paff. Ein Missverständnis. Ups, sorry, falsches Opfer. Die Killer lassen sich ihr Malheur durch den Kopf gehen. Dann finden sie die Lösung. Piff, noch einmal paff und schon ist die Leiche da, sind die ersten fünf Minuten überstanden.

Die Killer suchen danach nach ihrem richtigen Opfer. Profis, wie sie sind, wollen sie den Kollateralschaden nicht auf sich sitzen lassen. Und wenn sie etwas sind, dann Profis. Wie sich herausstellt, gehören sie zu einem Netzwerk von serbischen Kriegsverbrechern, das in Wien operiert. Einer aus ihren Reihen desertierte und will nun mit der Polizei zusammenarbeiten. Den wollten sie erschiessen, denn er hat während des Kriegs Buch geführt über sämtliche Gräueltaten seiner Einheit. Dieses Wissen will er mit dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal teilen.

Kommissar Eisner hat einen Schnupfen und ist eigentlich im Krankenstand, lässt sich dann aber doch zur Arbeit überreden. Er und Fellner klemmen sich hinter den Fall. Schnell kommt ihnen Interpol zur Hilfe. Der Deserteur und seine Familie werden unter Polizeischutz gestellt und in einer Villa einquartiert, wo sie von Personenschützern, Scharfschützen und Polizeigrenadieren bewacht werden. Eine perfekte Tarnung, die nur auffliegen kann – prompt veranstalten die Mörder ein Blutbad. Aber auch der Deserteur darf mit der 9-mm-Kanone brillieren und sein Scherflein zum Blutzoll beitragen. Dreizehn Leichen werden es am Ende in weniger als einer Stunde sein. Zusammen mit der ersten Leiche sowie einer weiteren Leiche, über deren näheren Umstände der Kommentatort schweigend hinweggeht, sinds nach neunzig Minuten Tatort fünfzehn Leichen.

Das ist ein ausgemachter Actionfilm, und als solcher – mit unfreiwillig komischen Anflügen! – begreift sich dieser Tatort. Der Film passt somit in die Reihe von Genreübertritten, an denen sich der Tatort in der letzten Zeit versucht. Von Slapstick über Agententhriller bis zum Splatterfilm wird manches schwere Geschütz bemüht, um den Mord zum Sonntag für die heutige Zeit aufzuhübschen.

Hier liegt in diesem Fall die Krux. Als Tatort mag dieser Film gerade noch so knapp hui sein, als Actionthriller hingegen ist er dermassen pfui, dass es auf keine Kuhhaut passt. Wenig echte Spannung, wenig Tatort, sehr viel Blut, noch mehr Klischees. Die finale Enttarnung des “Der Heilige” genannten Oberschurken zum Beispiel! Der Heilige sollte wohl möglichst unauffällig inmitten der Geschichte platziert werden, um zu zeigen, wie banal das Böse sich unter Verzicht auf Bart- und Haarpflege geben kann. Man muss jedoch nur flüchtig an Karadzics durch sämtliche Medien gegangene Verhaftung denken, um den Oberschlächter beim ersten Anblick zu durchschauen.

Ach, hätte dieser Film mehr auf Tatort gemacht, dann müsste man ihn nicht als missglückten Actionfetzen zerreissen. So aber strauchelt der Genreübetritt über den eigenen Mut. Ein süffiges Bild zum Auftakt macht noch keinen gelungenen Tatort.

Fazit: A mords Bahöö. Eisner und Fellner tuan a Gschichtl druckn. Und geh, ja mei: Da muama sich ned einiteufeln, das viele Bühnenblut fadisiert. In dem Sinn pfiati und baba, s kann nur mehr besser werden.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein und getaggt als , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

7 Responses to Kommentatort 27

  1. Pingback: Kommentatort 66: Tatort "Willkommen in Hamburg

  2. Pingback: Kommentatort 36 | kommentatort.ch

  3. Pingback: Kommentatort 31 | kommentatort.ch

  4. Hubert sagt:

    Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

    • admin sagt:

      Dann freue ich mich auf Ihren Besuch und über Ihre Kommentare. Am nächsten Montag gehts auch schon weiter, Tatort Stuttgart.

  5. admin sagt:

    Ja, die Killer waren schusselig. Nur noch übertroffen von dem Scharfschützen, der im Baum vor der Villa sass!

    Nach wie vor die besten Tatorte sind die, die sich zurücknehmen und beschränken. Beispielsweise die Frankfurter, die immer mal wieder nach Fällen aus dem echten Leben gemacht sind. Gar nicht gehen meiner Meinung nach solche Experimente wie neulich die Wallander-Borowskis.

    An welche schwedischen/dänischen/französischen Krimis denken Sie?

  6. Kai sagt:

    Das war ein Tatort, erst kam beim serbischen Pizzeria-Inhaber ein Untertitel, wobei er noch eine der verständlichsten Stimmen hatte und dann gab es die lustige Stelle im Keller, als der Mann mit seiner AK auf Moritz und Bibi geschossen hat. Als Elitekiller würde ich auch im Gang stehen bleiben und zweimal das Magazin leer schiessen. Der Tatort sollte weniger auf Hollywood machen und mehr zu seinem ursprünglichen Genre zurückkehren oder wenigstens europäisch bleiben. Gute Beispiele findet man im hohen Norden (Schweden | Dänemark) sowie bei unseren Nachbarn in Frankreich.

Kommentar verfassen