Kommentatort 33

Schneeballsystem für moralisch Integere

Im neuen Berliner Tatort „Alles hat seinen Preis“ ermitteln die Kommissare Ritter und Stark im Banken- und Unternehmermilieu. Das kommt nicht ohne Moral und Augenzwinkern.

Boris Aljinovic, der den Berliner Kommissar Felix Stark spielt, bringt den Motor dieses Tatorts auf den Punkt, indem er Bert Brecht an eine Zeit von Hochfrequenz-Handel (eine Art „Zuletzt-berührt-mach-nicht-mehr-mit“ für Banker), von drohenden Staatspleiten und „Goldenen Fallschirmen“ heranführt: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen einen guten Posten in der Bank?“

Einen guten Posten in einer Bank hat die Bankberaterin Meinecke. Ihr galt der letzte Anruf des getöteten Taxiunternehmers Klemke: Der wurde von seiner Sekretärin erschlagen am Schreibtisch aufgefunden. Kurz vor seinem Tod sprach er den Anrufbeantworter von Meinecke mit wüsten Drohungen voll. Meinecke hat also Dreck am Stecken oder, um es im Gestus dieses Tatorts zu sagen: sie ist „sehr kreativ und sehr, sehr flexibel“ mit den ihr anvertrauten Kreditgeschäften umgegangen. Ihren halben Kiez hat sie mit attraktiven Kleinkrediten versorgt, darunter die Betreiberin eines Kolonialwarenladens. Meinecke kann nicht mit dem Gedanken leben, dass die Banken eher in einen Geschäftskomplex investieren als in den Laden von nebenan. Vor dem Mord war die Bankerin, wie ein ganzer „Taubenschlag“ von weiteren Verdächtigen auch, beim Toten zu Besuch. Zu den Verdächtigen gehören ein ehemaliger Mitarbeiter des Toten, der Bruder der Kolonialwarenhändlerin sowie die Tochter und die Sekretärin des Toten. Klassisches Whodunnit mit vielen ins Nichts führenden Spuren. Die Tochter etwa zerstritt sich mit ihm wegen finanzieller Sicherheiten. Die Sekretärin arbeitete vierzig Jahre für den Toten und wird von dem Mord völlig aus der Bahn geworfen worden.

Derweil kommen die krummen Dinger der Bankberaterin ans Tageslicht. Sie hatte ein ganz eigenes Geschäftsmodell am Laufen, ein Schneeballsystem für moralisch Integere. Sie schleuste das Geld des Ermordeten kurzfristig auf die Konten von Kleinunternehmern. Für „juristische Sekunden“ erweckte sie so den Eindruck, dass das altbackene Kolonialwarengeschäft von vis-à-vis die Kriterien eines 55’000-Euro-Kredits erfülle. Umgehend nach Vergabe des Kredits überwies sie das Geld aufs Konto des Taxiunternehmers zurück: Niemand kam zu Schaden und sie bereicherte sich nicht. Sie wollte einfach nur ein möglichst lebendiges Unternehmertum in ihrem Kiez. Dumm, dass der Taxiheini dahinter kam. Musste er deswegen sterben?

„Alles hat seinen Preis“ geht ein vorbelastetes Thema auf unerwartete Weise an, inszeniert das heisse Eisen, ohne ins Moralintöpfchen zu tappen. Etwas nervig war das ewige Wettrennen der Kommissare durch die verstopften Strassen Berlins. Auch ihrer Kumpeleien und „work-life-balance“-Austarierereien sind etwas gar viele. Macht aber nichts, denn die Figur der Kolonialwarenhändlerin ist plastisch-plausibel und, ja, auch ergreifend. Während ihr die Rückzahlung der 55’000-Euro-Raten das Genick bricht, laufen im Hintergrund Radiomeldungen, die von neuen Milliardenabschreibern, dräuenden Staatspleiten und der Eurokrise berichten. Das brisante Thema wird auch persifliert, etwa, wenn die einzige heute noch glaubwürdige Bank zu ihrem Stelldichein kommt: die Parkbank. Auf der sitzen die beiden Kommissare und nuckeln ein Bier. Da wird Boris Aljinovics Wort von „Alles hat seinen Preis“ als eine „Fiktion mit einer satirischen Note“ so richtig greifbar.

Wenn nur die letzten fünf Minuten nicht wären: Dass am Ende so schreckliche Kitsch- und Schmalzmusik einsetzt, geht gar nicht. Die fehlenden paar Minuten bis zum Abspann hätte man besser mit mehr Bankenkriminalität oder mehr Berliner Schnauze gefüllt. Schade um die letzten Minuten, die hat der empfehlenswerte Film nicht verdient. Wenn man auch der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass „Alles hat seinen Preis“ um Welten besser ist als das zusammen geschwurbelte Berliner Machwerk von letztem Herbst.

Note auf der “Nie wieder frei sein”-”Wie einst Lily”-Skala: 4.75.

 

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