Kommentatort 35

Der Tatort in Kinderhand (Teil II)

Der zweite Teil der Tatort-Doppelfolge „Ihr Kinderlein kommet“ führt die Kölner Kommissare Schenk und Ballauf auf die Spur eines Serienmörders. Keppler und Saalfeld eilen zu Hilfe.

Das Mädchen von gegen Ende des gestrigen Tatorts wird von ihrem Entführer frisiert. Im Hintergrund sehen wir die Bilder getöteter Mädchen, lachend manche, einige das Entsetzen in den Augen; alle wurden sie schön frisiert und eingekleidet, dann vergewaltigt und umgebracht.

Ein Schrottplatzarbeiter wird befragt. Er hätte den Wagen des Entführers verschwinden lassen sollen. Wegen Vergewaltigung vorbestraft, schafft er es nicht, den Verdacht zu zerstreuen. Doch die Kommissare können ihm nichts nachweisen. Weil die Abstände zwischen den Morden kürzer werden, stossen die in den Fall eingearbeiteten Leipziger Kollegen dazu.

Derweil taucht der hyperkorrekt gekleidete Entführer bei seinem Gehilfen auf. Er erschlägt ihn und schleift den Toten in die Badewanne. Dort übergiesst er ihn mit Putzmitteln, um seine Spuren zu tilgen. Wie Ballauf und Schenk von diesen Vorkehrungen darauf schliessen können, dass es sich um einen nervösen Ersttäter handelt, der zu viel US-Krimiserien geschaut habe, bleibt ein Geheimnis: Könnte es nicht ebenso gut ein Profikiller sein, der zu viel Meister-Proper-Werbespots geguckt hat? Dem Kommentatort jedenfalls erscheinen diese Vorsichtsmassnahmen sehr kaltblütig und gruselig. Allein die Vorstellung, dass einer während zehn Tagen sein Opfer für eine Vergewaltigung schön macht und hinterher ihm Rhein versenkt (oder: versenken lässt), lässt an alles andere als an einen „nervösen Ersttäter“ denken.

Ballauf und Schenk nehmen Kontakt mit dem Vater des im gestrigen Tatort aus dem Rhein gefischten Mädchen auf. Vor Jahren hatten sie ihn verdächtigt, seine Tochter getötet zu haben. Weil Beweise fehlten, mussten sie ihn ziehen lassen. Nun schlägt sich der ehemals erfolgreiche Werber gesellschaftlich geächtet als Ein-Euro-Jobber durch. In diesem Nebenstrang wird die jedem Tatort zugrunde liegende Fiktion, dass ein Fall in 90 Minuten lösbar sei, endlich mit einer möglichen Gegenrealität konfrontiert. Das passt.

Auch dass die Wurstbraterei wieder vorkommt, freut. Weniger erfreulich sind die putzigen „Das Schweigen der Lämmer“-Anklänge. Diese sind immerhin noch ganz drollig, was von Kommissarin Saalfeld nun wirklich nicht gesagt werden kann. Wie schon in der Januar-Folge „Todesbilder“ will sie den Mörder alleine verhaften und wird von ihm überwältigt. Warum Saalfeld immer so ungeschickt sein muss? Damit sie empört ihre Lippen schürzen kann? Eine weitere Ungereimtheit: das Sondereinsatzkommando. Warum lassen die bis an die Zähne bewaffneten Polizeigrenadiere nach Aufsprengen der Kerkertür den Kommissaren den Vortritt? Fühlen sie sich im Windschatten von Schenk dermassen puschelig, ist Schenk kugelsicher? Wenigstens – ô Osterwunder! – Kommissar Keppler weicht ansatzweise von seiner Standardrolle des apathisch schweigenden Geheimniskrämers ab. Saalfelds Geturtel mit Kommissar Schenk nervt, hat aber den Nebeneffekt, dass Saalfeld so von weiteren Ermittlungen abgehalten wird. Schenk und Ballauf begnügen sich mit ihrer „Altes Ehepaar“-Rolle, die von Keppler gekonnt auf die Schippe genommen wird. Positiv war, dass sich dieser Tatort traute, den Mörder von Anfang an zu zeigen. Das steigert den Schauer.

Die „Kinderland“-„Ihr Kinderlein kommet“-Doppelfolge zeigt, dass der Tatort auch mit mehr als 40 noch sehr viel drauf hat. „Kinderland“ ist Hausmannskost und fällt hinter „Ihr Kinderlein kommet“ ab. Drei Stunden lang hätte man das Kammerspiel im Keller des Serienmörders aber auch nicht ausgehalten. „Ihr Kinderlein kommet“ hat den Mut, den Tatort in Richtung Psychothriller zu bewegen. Trotzdem überzeugt die Kooperation nicht restlos. Allzu oft schaut sich der „Crossover“ nämlich bloss so an, als würde eines der beliebteste Tatort-Teams sich dazu herablassen, einer weit abgeschlagenen Equipe unter die Arme zu greifen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.

X X X

P.S. Geneigte Leser werden feststellen, dass der Kommentatort für die letzten Folgen aus Köln und Leipzig fehlt. Das erklärt sich mit einem Urlaub. Zwar hat der Kommentatort sich auch die Folgen “Todesbilder” und “Keine Polizei” zu Gemüte geführt, jedoch nichts darüber geschrieben. Es ist das Prinzip des Kommentatorts, eher einmal eine Folge zu schauen, ohne darüber zu schreiben, als umgekehrt, wie andernorts praktiziert.

 

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4 Responses to Kommentatort 35

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  2. admin sagt:

    Ja, die alten Schimanskis sind schon ziemlich gealtert in der Zwischenzeit. Super, dass man von den jeweiligen Ermittlern Boxen kaufen kann. Das ist dann oft die reinste Zeitreise. Borowski finde ich auch nicht schlecht, was man aber von seiner neuen Mitermittlerin leider nicht sagen kann.

  3. Tanto sagt:

    Die Auskopplungen Schimanski kenne ich natürlich, aber ich finde sie ziemlich lahm und konstruiert. In seiner Zeit war er natürlich geradezu revolutionär. Inmitten der noblen Kiesauffahrten der Derrick-Täter taucht plötzlich dieser Ruhrpott-Bulle auf, über den sich die die (damalige) “Bild-Zeitung” in Riesenlettern beklagte. Ich bin eher von Typen wie dem Ehrlicher peinlich berührt, der mit seinem sächsischen Menschenfreund-Phlegma einfach nur nervt. Ausserdem ist Peter Sodann nur ein mittelmässiger Schauspieler, finde ich zumindest. Borowski (Milberg) aus Kiel geht da noch. Klar ist dennoch: Ohne Thanner ist ein Schimanski auch nicht mehr das, was er mal war. Ich habe mir küzlich nochmal die allererste Schimanski-Folge von 1981 (Duisburg-Ruhrort) angeschaut. Herrlich. Natürlich wirkt es heute eher hier und da wie eine leicht misslungene Milieustudie (Rocker sind die Badboys, die in ihrer fiesen Rockerkneipe Wolfshöhle die Schnulze “Only You” von den Platters hören, ständig laufen angetrunkene Hafen- und Schiffsarbeiter in schummrigen Kneipen rum etc.), trotzdem finde ich die Schimanski-Folgen besser, härter und vom Filmerischen her wesentlich interessanter.

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