Kommentatort 38

Der Schwanengesang von Cenk und Valerie

Im letzten Hamburger Tatort „Die Ballade von Cenk und Valerie“ warten wir fast 90 Minuten auf die erste Leiche. Die Zweite ist dann dafür gleich Cenk Batu.

Es ist ja klar, dass der verdeckte Ermittler Cenk Batu nicht einfach seinen Dienst quittiert, heiratet, Kinder bekommt, Bingoabende besucht und Butterfahrten aufs flache Land macht. Dafür stand sein Tatort zu sehr für Action und Undercover-Spannung. Aber muss man ihm einen solchen Abschied andichten?

Batu wird von der Bundesregierung in eine Bank eingeschleust. Er soll die Machenschaften einer Abteilung wild gewordener, junger Händler untersuchen. Die illegalen Geschäfte sind schnell erkannt, die Trader machen schliesslich keinen Hehl aus ihrem Tun. Dumm, dass Batu in eine Gegenintrige gerät: Die Banker haben eine Profikillerin angeheuert, die den Bundeskanzler töten soll. Der Plan ist, in der chaotischen Zeit nach dem Mord an den Börsen zu wetten: So werden zwei Fliegen auf einen Schlag erwischt, der bankenfeindliche Kanzler beseitigt und die Gewinnspanne maximiert.

Batus Freundin, die schon gegen Ende des letzten Hamburger Tatorts eingeführt wurde, wird von der Profikillerin entführt. Geschnürt wie ein Rollschinken findet sich Batu am Morgen nach der Entführung in der Obhut der Profikillerin wieder. Ihre Forderung: Das Leben von Batus Freundin gegen das Leben des Bundeskanzlers. Batu verliert die Kontrolle, schiesst auf seinen Führungsoffizier und Freund und bringt den Bundeskanzler in seine Gewalt.

Die Banker gefallen sich in grotesken Beteuerungen ihrer Skrupellosigkeit und Verworfenheit, in allerlei Geschwurbel über die Bosheit der Finanzmärkte. Die Profikillerin ist eine überladene, unter der Last der eigenen Bedeutungsaufladung ächzende, kaum mehr zu erkennende Figur: Vor zwanzig Jahren will sie eine berüchtigte internationale Auftragskillerin gewesen sein. Natürlich hat es damit kein Bewenden, weitere Schichten werden drauf geschminkt. Sie soll Autistin sein und ein intrigierendes Superhirn, dass immer über alle Schritte ihrer Gegenspieler Bescheid weiss, als Mutter aber dermassen scheitert, dass sie den eigenen Sohn als pädagogische Retorsionsmassnahme absticht. Was sonst noch geschieht: Batu könnte Vater werden, seine Freundin verliert das Kind und Batu wird mit einem Giftpfeil betäubt.

So wirr wie diese Zusammenfassung, der Kommentatort muss es gestehen, nimmt sich der ganze Tatort aus. Es ist ein Jammer, dass Batu nicht in der letzten Folge in die Luft gesprengt wurde, ein Jammer, dass auf ein Highlight wie „Der Weg ins Paradies“ ein derart überkodiert-kandideltes Machwerk folgt. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Hamburger damit einem gewissen Pornosynchronsprecher vor Dienstantritt aufmunternd auf die Schultern klopfen wollten. Natürlich hat auch Cenks „Ballade“ Szenen, die einem den Abschied schwermachen. Die sind aber in der Minderheit. Gegen Ende sehnt man sich nur noch danach, dass sich die Rahmenhandlung schliesst und Batu den Bundeskanzler endlich in seine Gewalt bringt.

Hier wird zu viel in einen ohnehin schwierigen Abschied gelesen, von den romantischen Strandbildern über die Killerin, die ruchlosen Banker bis zur politischen Ebene – der Tatort bleibt auf der Strecke. Das wäre weniger arg, wenn man wüsste, dass Batu bald eine neue Chance bekommt. Die letzten Bilder dieses Films sind aber wirklich die letzten Bilder, Batu ist fort, mausetot, wird nie auf die Bildschirme zurückkehren.

Was in der Pressemappe als „Spannung pur“ und „Graphic Novel“ abgejubelt wird, hätte als Genreübertretung und Experiment bei den meisten anderen Tatort-Teams gefallen. Als „bigger than life“ beschreibt Matthias Glasner (Buch und Regie) die Erzählhaltung dieses Tatorts – eine Übertreibung, die sich angesichts der Kopflastigkeit und Verstiegenheit des Films immerhin aufrechterhalten lässt. Ganz sicher ist dieser Film „bigger than Tatort“. Das war die Spezialität des hiesigen Tatorts – ein Grenzen auslotendes, kompromissloses Aus-der-Reihe-Tanzen, welches dem Tatortland ohne Cenk fehlen wird. Dieses Mal ist es gründlich misslungen.

In seinem letzten Tatort mutiert Batu nun also zum Kanzlermörder. Das gefällt als Anlage, während die Umsetzung langweilt. Dem Actionfilm fehlt Handlung, dem Thriller Spannung. Die Episoden mit den Banken-Hanswursten begnügen sich zu sehr mit der Feststellung, dass die Perversionen der internationalen Finanzmärkte nicht filmisch darstellbar seien (was nicht stimmt). Doch sogar als ihre eigenen Karikaturen versagen die Bankenbubis, und zwar so jämmerlich, dass neulich sogar der langweilige Schweizer Banker vom Bodensee, der deutsche Steuerflüchtlinge mit Schoggipralinen und Geldwaschfimmel anlockte, beklemmender geriet als diese Würstchen. Zuletzt versagt die „Ballade“ auch als Superhirn-Intrigen-und-Gegenintrigen-Krimi, denn auch den gabs schon beklemmender. So bleibt neben vielen Ideen und Gestaltungsmittelchen ein ganz schaler Film, der nur dank der komplexen Schnittstrukturen und der Radikalität, mit der hier dem Realismus abgeschworen wird, über ähnlich schlechten Tatorten steht.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 2.

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