Kommentatort 40

Das Skalpell, der Hals, die Blutlache

Der aktuelle Luzerner Tatort “Skalpell” führt eine neue Kommissarin ein und endet als Mords-Satire.

I.

Pfingstmontag 2012: Der neue Luzerner Tatort „Skalpell“ feiert TV-Premiere. Das ist nicht nur die Premiere der neuen Kommissarin Liz Ritschard, dargestellt von der Schauspielerin und Sängerin Delia Mayer: Nein, es soll auch dem Kommentatort zur Premiere gereichen.

Kommentatort-Untersuchungen ergaben nämlich eine durchschnittliche Verweildauer der Leserschaft von gegen 3 Minuten (das sind gegen 180 Sekunden!) auf der Page. Um zu erleben, wie schön und vor allen Dingen, wie sinnlich 18’000 Hundertstelsekunden im WWW sein können, hat sich der Kommentatort, sprachlos geworden auf einer Youtube-Recherche, entschieden, erst einmal die neue Kommissarin für sich selbst sprechen zu lassen. Hier und da liefert Delia Mayer Kostproben einer Stimme, wie sie dem Tatortland bisher fehlte.

II.

Nun aber, die Mucke im Hintergrund, zum Thema, dem aktuellen Luzerner Tatort „Skalpell“. Aber ach, wer „Luzerner Tatort“ sagt, meint auch den reflexhaft gescholtenen Erstling. Was war die Synchronfassung damals lächerlich! Wie viel Ermittlungszeit ging in biederen „Schulmädchenreport“-Sex-Szenen flöten! Wie sehr strengte die Anlage vom Vollblutpolitiker, der für den ultimativen Wahlerfolg über die eigene Leiche ging, an. Kurzum, die Erwartungen an den zweiten Luzerner Tatort hätten vielerorts gar nicht tiefer gehängt werden können – obschon der Kommentatort schon damals fand, dass der Erstling, abgesehen von verschrobenen Vorstellungen von Schweizer Sprache und bis auf einen gewissen zweibeinigen CSI-Spezial-Effekt, so übel gar nicht war.

Die Fieberkurve jedenfalls stand kurz vor dem Siedepunkt, als das Schweizer Fernsehen SRF ins proppenvolle Cinemaxx-Kino des Verkehrhauses Luzern einlud. Auf der grössten Leinwand Europas kam am 12. Mai 2012 der neue Luzerner zu seinem Stelldichein. Von der Crew waren viele Leute anwesend, besonders prominent vermisste man jedoch den Hauptdarsteller Stefan Gubser, der sich unter Hinweis auf einen Segeltörn entschuldigte. Immerhin steht die Absenz im Zusammenhang mit seiner Rolle, spielt Gubser doch einen Kommissar, der mit Leidenschaft Segeln geht.

III.

Der ärztliche Leiter der Pilatusklinik, Dr. Lanther (Benedict Freitag), wird an einem Wohltätigkeitslauf mit einem Skalpell erstochen. Kurz vor seinem Ableben stritt er sich mit seinem ärztlichen Stellvertreter Marco Salimbeni (Thomas Sarbacher), der ebenfalls am Lauf teilnahm. Salimbeni macht sich verdächtig, indem er zu seiner Geliebten, Frau Lanther (Regula Grauwiller), flieht. Damit ist der Fall für Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu), Kommissar Flückigers obersten Vorgesetzten, eine klare Sache. Mattmann, als Regierungsrat wie immer im Stress wegen seiner Wiederwahl, moniert, dass Salimbeni sowohl kurz vor dem Mord Kontakt zum Opfer hatte als auch ein Motiv. Folglich handelt ein klassisches Beziehungsdrama, befindet Mattmann, keine Widerrede duldend. Flückiger und Ritschard samt Team widersetzen sich dieser offiziösen Lesart.

Denn die Sache ist komplexer. Der Tote war als Chirurg auf die Geschlechtszuweisung von Zwitterbabys spezialisiert. In dieser Stellung schuf er sich eine beachtliche Ansammlung von Feinden, denn seine OPs folgten eher Prestigeüberlegungen als medizinischer Ethik, und so finden sich unter seinen Patienten überzufällig viele Selbstmörder, die sich wegen seiner Eingriffe umbrachten.

Unter den obligaten Verdächtigen befindet sich der Vater eines weiteren Lanther-Patienten, ein junges Mitglied von Flückigers Ermittlungsteam sowie ein Mädchen, dass dauernd am Bahnhof herumlungert. Leider werden diese Indizien etwas lieblos abgespult, sodass man nie darauf einsteigt. Sogar die in der neueren Tatort-Produktion immer einmal wieder zum Handkuss kommende Theorie des arbeitsteiligen Mordes wird geäussert, ebenso wie die schenkelklopfherhafte These, dass es „Zwerge aus dem Wald“ gewesen seien.

Die Tatort-Macher geben sich Mühe, den Erstling vergessen zu machen. Sie greifen auf einen denkbar vorsichtigen „Problemzonen“-Tatort zurück, auf ein Format, dass sich nicht mit dem Krimiplot bescheiden mag, sondern auf die Gesellschaft als Ganzes einwirken will. Gerade gegen den beim Luzerner Erstling (zurecht) kritisierten Sprach-Unfug wird alles unternommen. Erfolgreich werden die meisten sprachlichen Klischees ausgetrieben. Um wie viel mehr freut man sich über den dialektalen Lokalkolorit in Form von „Nä-ähs“, „Schätzelis“ und „Gopferteckels“. Es sind hoch willkommene Abwechslungen zum ansonsten so präsenten „Bühnen-Schweizerdeutsch“. Was hier moniert wird, hat aber auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man als Eingeborener nicht zwangsläufig von der SRF- auf die ARD-Fassung umschalten muss, da es sonst rein sprachlich kaum auszuhalten ist.

Leider kommt besonders das Thema Intersexualität in gewissen Dialogen sehr flach, unerträglich pädagogisierend, heraus. Das meiste könnte so auch auf Wikipedia und anderen Plattformen stehen. Urs Bühler, der für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, machte denn auch an der Luzerner Tatort-Premiere keinen Hehl daraus, dass er seine Recherche aufs WWW beschränkte, und nicht etwa zu so altmodischen Mitteln wie Gesprächen mit Betroffenen griff. Das klingt zwar unkompliziert und sympathisch, deutet aber auch auf ein Missverständnis hin: Nämlich, dass die Problematik über der Krimihandlung und ihrer Plausibilität stehe, der Tatort ein belehrendes Format sei, eine Art „Sendung mit der Maus“ mit Toten. Aber sei es drum: Flückiger, Ritschard und Co. machen diese Schablonenhaftigkeit mit Links vergessen.

Und dann kommen da ja noch die letzten fünfzehn Minuten. Sie lassen „Skalpell“ zur Satire mutieren. Saukomisch, wie der Mörder vor dem Sonderkommando flieht, und zu welcher Tatwaffe er greift. Hier endet der Krimi in einem astreinen Swissness-Mythenspiel, was auf hintergründige, intelligente Weise amüsiert und unterhält (besonders, wenn man diese Szenen vergleicht mit dem in anderen Tatorten gepflegten Brachialhumor, vergleiche Tatort Münster). Natürlich atmet man auf, dass bereits im zweiten Luzerner Tatort zu so einer dänisch-indisch-schweizerischen Abmurksmethode gegriffen wird. Ausserdem beruhigt es ungemein, dass niemand mit Schokolade vergiftet oder mit einem Fondue-Caquelon erschlagen wurde. Dennoch gönnt man diesem starken Luzerner Team plausiblere Morde.

IV.

Immerhin wiederholt das ach! wie heftig auf den Problemzonen-Tatort verfallene Schweizer Fernsehen nicht einen kardinalen Fehler früherer ARD-Tatorte. Früher nämlich schickte sich allzu oft eine gewisse Anne Will dazu an, zeitnah zur soeben zu Ende gegangenen Ausstrahlung zu einem Talk zu laden, der das jeweilige Tatort-Problem noch einmal nachbearbeitete. Der „Club“ machte das geschickter, indem die betreffende Ausgabe eine Woche vor dem Tatort gesendet wurde. Das erlaubt es, sich mehr auf die Problematik zu konzentrieren und entbindet von der leidigen Pflicht, die gesellschaftliche Relevanz eines Themas mit Tatort-Ausschnitten zu bebildern. Im „Club“ wurde unter anderem die Darstellung der Intersexualität im Film kritisiert.

V.

Mit dieser mehr als doppelt so langen Tatort-Rezension, die erstmals in verwandter Form auch in der „Basler Zeitung“ (BaZ) erschien, verabschiedet sich der Kommentatort von seiner treuen Leserschaft. Es geht in die Sommerpause. Ich wünsche allen Lesern einen schönen, sonnigen Juni, Juli, August, und hoffe, möglichst viele Leser auch im August an dieser Stelle begrüssen zu dürfen. Übrigens gleich wieder mit Mord und Totschlag, „made in Lucerne“.

Bis es so weit ist, folgt an dieser Stelle noch der Kommentatort aller Kommentatorts, die Rezension des grandiosen Münchner Höhepunkts „Nie wieder frei sein“, der das (bisher mehr oder weniger ungefährdete) obere Ende der Kommentatort-Skala markiert. Wer wissen will, ob dieser Bezugspunkt auch nach 40 Kommentatort-Ausgaben noch Bestand hat, klickt in den kommenden Tagen und Wochen auf www.kommentatort.ch und auf die Kommentatort-Facebook-Seite.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.

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