Kommentatort 2

«Provinzmief und ein Hauch CSI»

Der Münsteraner Tatort ist nicht wie die anderen. Hauptkommissar Thiel, der schlabberige, grummelige Zeitgenosse, und der Rechtsmediziner Dr. Börne, der quasselnde, unerträgliche Schnösel und Pfau, sind dazu nicht in der Lage. Das Mundwerk des Pathologen mit dem epischen Ego hat seit 2002 bis weit über Münster seine Kreise gezogen – letzten Sonntag etwa bis zum Stuttgarter Tatort, wo sich der dortige Rechtsmediziner, völlig verkatert (nach einem Leichenschnippslerkongress), über Börnes Sprüche und Trinkvermögen mokierte. Gemeinsam haben Thiel und Börne nichts, bis auf die Tatsache, dass sie zusammen Mordfälle lösen und im selben Mehrfamilienhaus wohnen (Börne Vermieter, Thiel Mieter). In so gut wie jeder Episode nistet sich der Mediziner nach Feierabend beim Kommissar ein, um ihn erfolglos nach einem Bier zu fragen und am Küchentisch den Fall auszubreiten. Und dieses Mal?

Die feine Gesellschaft feiert den örtlichen Kartoffelkaiser, einen schwerreichen Landwirtschafts- und Investorenmogul. Auch die androgyn-mannsweibige Staatsanwältin Klemm feiert bei diesem «Herrenabend» mit. Als lebendige Illustrierung des Provinzmiefs und –filzes hat sie sich zum Besäufnis einladen lassen. Sie verabschiedet sich rechtzeitig, um das Opfer davonfahren zu sehen. Interessanterweise findet man im Wagen des Opfers die Spuren eines seit zwei Jahren toten Politikers. Der sei bei einem Unfall in Südafrika ums Leben gekommen. Sein Tod wurde zweifelsfrei festgestellt von – Rechtsmediziner Dr. Börne. Der will diesen Feld-Wald-Wiesen-Quacksalber-Kunstfehler nicht auf sich sitzen lassen und holt zu seiner Ehrenrettung einen Hauch CSI nach Münster. Eine Wiedergängergeschichte bahnt sich an, samt künstlichem Schnurbart und Perücke. Der angeblich tote Politiker ist wieder im Land und will mit Frau und Tochter abhauen. Nur dumm, dass die zwei von einem ebenso eifer- wie kontrollsüchtigen Grossvater in der Villa quasi gefangen gehalten werden.

Kommissar Thiel bricht auch in dieser Episode mit der sakrosankten Tatort-Regel, die besagt, dass Tatortkommissare habituelle Autofahrer sind. Die im Auto verbrachte Zeit wird dann jeweils genutzt, um den Fall aufzuklären. In Münster ist das nicht möglich, Münster ist zu klein für Autofahrten, die reinste Velostadt. Also klemmt sich Thiel aufs Rad und strampelt zu den Ermittlungen. Auch im tiefsten Winter nimmt er eher das Rad als den Wagen – fahren lassen kann er sich von Dr. Börne oder von seinem Vater, dem langhaarigen Taxifahrer. Doch der steht nicht zur Verfügung  – hat er doch einen privaten Hilfskonvoi für Bulgarien gestartet, um dort die Winterkleidung des Sohnemanns zu verschenken.

Da Thiel und Börne sich wie immer auf die Nerven gehen, freut sich der Kommissar, als eine schöne Umsatzsteuernachschau-Beamtin vor der Tür des Nachbarn steht und mit einer Hausdurchsuchung à la Zumwinkel droht. Der Rechtsmediziner gerät ins Schwitzen und wird fortan nur mehr mit einem verdächtigen Koffer gesehen. Die üblichen Klischees werden bedient, Daten-CDs, Konten auf Schweizer Banken und Steuerflüchtlinge, die ins südliche Nachbarland reisen. Natürlich hat das alles rein gar nichts mit dem Fall zu tun, es dient lediglich der Charakterisierung des sperrigen Dr. Börne.

Die Betonung von Thiel/Börne-Nebenhandlungen ist typisch für den Münsteraner Tatort. Möglich, dass so die Zeit, die an Autofahrszenen eingespart werden kann, verbraten wird. Im Vergleich zu anderen Münsteraner Tatorten fällt auf, dass die Sprüche von Dr. Börne harmlos sind. Auch die sonst dominanten Streitereien mit Thiel fast ganz bleiben aus. Es ging schon sauglattistischer und hanswurstiger zu und her in Münster. Was sich anhört wie ein Vorzug, gereicht der Episode zum Nachteil. Die Beschränkung der schrulligen Szenen auf ein Minimum ist in Münster so unvertraut, dass man sich im falschen Film wähnt. Das bisschen CSI reisst die Karre nicht aus dem Dreck. Etwas fehlt. Das Familiendrama um den eifersüchtigen Grossvater und die witzige Auflösung des Rätsels über Dr. Börnes Koffer retten einem dürftigen Fall die Ehre.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.

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