Kommentatort 3

«Frau Dezenz und Herr Kontaktscheu»

Seit 41 Jahren und 800. Folgen gibt’s den Mord zum Sonntag. Was schenkt man sich zum Achthundertsten? Die Verantwortlichen des Tatorts antworten mit: Ein neues Ermittlerteam. Oberkommissarin Charlotte Sänger und Hauptkommissar Fritz Dellwo, die langjährigen Frankfurter Ermittler, haben ja die Bühne verlassen. Unter den Augen des je länger, je weniger geneigten Publikums entschlief ihr Frankfurter Tatort mehr oder weniger sanft. Selbst ein für wenige Episoden an ihre Seite gestellter junger Assistent, der einen grosskotzigen Wagen fahren und zwischen Jäger und Dellwo vermitteln durfte, konnte den Niedergang nicht stoppen.

Jetzt wird alles neu!

Kriminalhauptkommissarin Conny Mey, Wahnsinnsfigur, das Schiesseisen gut sichtbar unterm Arm im Halfter, kommt den Gang entlang. Ihre selbstbewusst klappernden Cowboystiefel, der lange Flur und die Kamera helfen, sich artgerecht in Szene zu setzen. Dezenz ist nicht ihre Sache. Ist dies das neue Rollenbild der Tatortkommissarin? Der «sexy Vamp» – nach «die Traumatisierte» (Kommissarin Sänger), «die Maskuline» (Kommissarin Odenthal) und «die Mädchenhafte» (Kommissarin Blum)? Einzig die Verantwortlichen wissen, ob sich mit der Szene «sexy Kommissarin geht langen Flur hinab (von Kopf bis Fuss gefilmt von hinten/vorne)» ein neues szenisches Fach herausbildet.

Ein traditionelles szenisches Tatortfach bedient jedenfalls auch der neue Frankfurter. Im Wagen von Kommissar Steier. Conny Mey versucht, einen Smalltalk anzureissen: «Haben sie einen Hund?», fragt sie den Kollegen, worauf er antwortet: «Wir müssen uns nicht unterhalten!» Die Stelle muss man sich ins Merkbuch schreiben: Zwei Tatortkommissare müssen sich nicht unterhalten im Auto! Wahnsinn: Weder über die Arbeit noch über Freizeitvorlieben. Einem Tatortteam, dass sich schon in der ersten Episode zu einem solchen Tabubruch hinreissen lässt, traut man alles zu.

Steiers um grösst mögliche Distanz bemühten Sprüche entschädigen für den harmlosen Dr. Boerne von letzter Woche. Einen Kollegen in der Kantine bezeichnet er als Affenmenschen, Conny Mey gibt er den Rat, ein Nagelstudio aufzumachen, dann poltert er noch von Meys «Gutmenschenkacke und Helfersyndrom» – Einen zwischenmenschlichen Traumstart erwischen die beiden Neuen nicht. Was ein Glück, dass da noch ein Fall zu lösen ist.

Aber ach! wir haben ja gar keinen Fall. Jedenfalls noch nicht. Oder: einen Nichtfall. «Psychopathischer Vater eines Komapatienten wittert Mordversuch im Unfall seines Sohnes. Sexuell korrupter Bulle verhindert Aufklärung.» Der Vater des Unfallopfers bedroht die junge Frau, die seinen Sohn gefunden hat. Sie solle sagen, wie es wirklich war. Er schafft es, seine Drohungen so zu formulieren, dass man ihm polizeilich nichts anhaben kann. Als die Ärzte beschliessen, seinen hirntoten Sohn «abzuschalten», fällt er durch alle Netze. Er verfolgt die junge Frau, und als er bei ihr einbricht, sie jedoch entkommen kann, liefert er sich freiwillig in die Psychiatrie ein, wo er eine Schmierenkomödie vorspielt wieder entlassen wird.

Eine Frage der Zeit, bis jemand angesichts der Hilflosigkeit der Polizei das Recht in die eigenen Hände nimmt. Die Dinge spitzen sich weiter zu, bis es zum Showdown kommt: Dass muss es auch, denn sonst könnte Conny Mey in der Schlussszene nicht an Steiers Spitalbett stehen und ihm das ermittlungstechnische Jawort geben: «Ich hoffe, dass sie schnell wieder gesund werden und wieder mit mir arbeiten können.»

Der Anfang verspricht viel. Ein würdiger Neuanfang in Frankfurt. Weiter bewusst mit Tatorthodoxien spielen! Im Auto kann man auch von A nach B fahren, nicht nur Fälle lösen! Jedoch sollte man Mey und Stein nicht zu sehr auf Dekollete und brutale Sprüche reduzieren. Ausserdem scheint die Hilflosigkeit des Polizeiapparats in der zweiten Hälfte der Stalkinghandlung ein bisschen übermarkiert. Ansonsten ein Tatort ohne Längen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.

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