Kommentatort 42

Zwischen Monte Troodelöh und Hindukusch

Der neue Kölner Tatort „Fette Hunde“ changiert zwischen Deutschland und Afghanistan und verzichtet auf manche Tatorthodoxie. Es ist ein Fest der Bilder.

Zwei Geschwister, Amina (Maryam Zaree) und Milad Rahimi (Reza Brojerdi), treffen aus Afghanistan in Deutschland ein. Sie sind Bodypacker, arme Schlucker, die den Bauch voll von mit Heroin gefüllten Kondomen haben. Sie reisen im Zug auf der malerischen Rheinstrecke nach Köln, derweil die Ladung von Milad undicht wird und sich in seinem Körper verteilt. Wenn die beiden nicht sehr schnell Hilfe finden, ist Milad tot. Zur gleichen Zeit wartet die ehemalige Assistentin der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk, Lissy Brandt (Schauspielerin, Musikerin und Frau von Jan „Professor Boerne“ Liefers: Anna Loos) auf dem Flughafen auf ihren Mann, Sebastian (Roeland Wiesnekker). Brandt ist ein Bundeswehr-Übersetzer, der nach sieben Monaten Einsatz aus Afghanistan zurückkehrt. Während sie seine Ankunft kaum erwarten kann, organisieren ihre Freunde Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) das Heimkehrerfest für ihren Mann.

Ein rauschendes Fest

Brandt reagiert zurückhaltend auf die Überraschung, wirkt traumatisiert. Der ehemals lebenslustige Familienvater ist verängstigt und verschlossen. Brandt hat panische Angst vor dem Familienhund, dessen Bellen üble Erinnerungen in ihm auslöst, die in grobkörnigen, viel zu hellen Bildern kommen, Hunde, tote Bundeswehrsoldaten. Deutschland fremd geworden, Afghanistan fremd geblieben, schwankt Brandt zwischen nirgends und nichts (eine beeindruckende Leistung von Wiesnekker). Er bleibt seiner eigenen Party fern, wovon sich die restlichen Gäste, allen voran zwei gewisse Kölner Tatortkommissare, nicht beeindrucken lassen (so schön und ausgelassen hat man sie noch nicht einmal anlässlich ihres 50. Dienstjubiläums feiern sehen). Als die Kommissare nach der Heimkehrer-Party aufwachen (im selben Bett!), werden sie an einen Tatort gerufen. Bodypacker Milad wurde mit einem Kopfschuss getötet. Sein Mörder hat ihn ausgeweidet, um an das Heroin heranzukommen.

Die Jagd beginnt

Es stellt sich heraus, dass die letzte vom Toten gewählte Nummer diejenige von Brandt war. Der scheint ebenso verdächtig wie seine Clique von Bundeswehr-Kumpels. Aber auch ein Industrieller und Vorsitzender einer „Pro Afghanistan“-Stiftung macht sich verdächtig. Seine Stiftung verfügt über beste Kontakte in Afghanistan: Ist er in den Schmuggel involviert? Wer ist der amerikanische Hintermann, und wie weit wird er gehen, um seine Interessen zu wahren? Es beginnt eine fieberhafte Suche nach der flüchtigen Bodypackerin, sie wird von skrupellosen Drogenschmugglern gejagt und durch die Heroinpäckchen in ihrem Bauch bedroht.

Kein Durchschnittstatort

Man merkt diesem Tatort an, dass es das erklärte Ziel des Regisseurs Andreas Kleiner war, den Film vom durchschnittlichen Tatort inhaltlich wie ästhetisch abzuheben. Er setzt das (bereits hie und da verwendete) Thema in einer äusserst dichten Weise um. Heraus kommt ein ruhiges, unaufgeregtes Kriegsheimkehrerdrama, gewürzt mit Thriller-Elementen, derweil viele tatorthodoxe Krimielemente zurückgefahren werden. So fehlen die Autos aus der Asservatenkammer, die Schenk sonst immer fährt, und sogar, auweia, die Wurstbude vermisst man. Die Kommissare kommen den Zuschauern nahe wie kaum zuvor, menscheln und kuscheln, saufen und tanzen, als ob es kein Morgen gäbe. Sie haben definitiv immer noch ihre Altes-Ehepaar-Rolle, nehmen sich aber nicht zu ernst: weder kann Schenk den selbst verschütteten Kaffee selbst aufputzen, noch widersteht die Kamera der Versuchung, die beiden am Morgen danach ganz gross beim Zähneputzen zu zeigen.

Brillante Kameraführung

Die Diagnose PTSD liegt den ganzen Film über in der Luft, wird aber nicht zu aufdringlich durchdekliniert (wie damals beim Saarbrückener Dada-Gaga-Afghanistan-Fall, wo traumatisierte Heimkehrer – Scharfschützen! – als Friedensengel verkleidete Performancekünstlerinnen abballerten). Schön auch, dass die beiden gestandenen Kommissare dieses Mal ohne Rückgriff auf uneheliche Kinder, die urplötzlich auftauchen und auf den Teppich pinkeln, ohne Verhaftungen auf dem Babystrich, ohne Grossvatergetue oder klobiges Geschäker mit der Leipziger Tatort-Schikse feiner gezeichnet werden. Auch dass die notorisch geringe Beruf-Privatleben-Unterscheide-Kompetenz der Kommissare für einmal nicht krampfhaft inszeniert wird, sondern als Grundbedingung des Films so selbstverständlich kommt wie der Kater nach dem grossen Bechern, überzeugt. Besonders gut gefällt die Stille dieses Films, der Mut, sekundenweise eine und die gleiche Einstellung zu zeigen, einfach für sich, ohne Ton oder hektische Schnitte. Dank dieser ruhigen Bildsprache wirken die schnell reingeschnittenen Flashbacks umso mehr: Die Kameraführung brilliert, die Liste überwältigend starker Bilder ist zu lang zum aufzählen.

Hinreissende Assistentin

Zu mäkeln gibt es wenig. Dass das Kommissariat in dieser Episode zu einer Art Präsidiums-WG verkommt, hätte man etwa auch ohne den sachdienlichen Hinweis der hinreissenden Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt, das Glanzlicht dieser Episode) begriffen, die sich bei der Arbeit von einem missratenen Rendezvous erholt. Auch das Tee-Tüten-Candle-Light-Date zwischen Franziska und dem Verdächtigen Thomas Klages (Godehard Giese) kann man dramaturgisch vergessen. Es geht trotzdem klar – denn: Franziska, Franziska! Wenn aber Amina – derweil sich die Heroinpakete in ihrem Magen zersetzen! – ihren baldigen Ex-Geliebten Brandt fragt, ob er sie jetzt etwa verkaufen anstatt ins Spital bringen wolle, ist das ein bisschen gar sehr auf die Illustration der kulturellen Unterschiede zwischen Monte Troodelöh und Hindukusch hin angelegt. Ansonsten astrein.

Note auf der Note auf der “Wie-einst-Lily”-”Nie-wieder-frei-Sein”-Skala*: 5.5.

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