Kommentatort 43

Wenn der Mörder zweimal klingelt

Der neue Kieler Tatort “Borowski und der stille Gast” beginnt mit einem maximal reduzierten, in der Reduktion denkbar drastischen Auftakt. Das weckt Erwartungen, die nicht gehalten werden.

Eine Schlüsselkopiermaschine und ein schwarzer Handschuh sind alles, was die Zuschauer nach dem Vorspann sehen. Jemand kopiert heimlich einen Schlüssel, ein Einbrecher, aller Wahrscheinlichkeit nach. Dann Schnitt in die Notrufzentrale der Polizei. Eine Frau, panisch, aufgelöst, meldet sich, von einem Angreifer in der eigenen Wohnung heimgesucht. Sie stammelt, da sei er schon wieder, mehrmals sei er schon bei ihr gewesen, er komme einfach so durch die Wand. Der anschliessende Mord wird den Zuschauern als Hörspiel geliefert: Schreie, dann kracht es, Schritte, noch mehr Krach, Panik, Stille. Schon mit diesen ersten Minuten hat dieser Tatort die Messlatte denkbar hoch angesetzt.

Festungsartig gesicherte Wohnung

Als die Polizei beim Opfer eintrifft, stellt sich heraus, dass die Tote sich in einer zur Festung ausgebauten Wohnung verschanzt hatte: Die Türe ist verstärkt wie ein Tresor, die Fensterläden sind mit Vorhängeschlössern gesichert. Dennoch hat es der Mörder geschafft, bei der Toten ein und aus zu gehen, ihre ganze Wohnung hat er betatscht und mit seinen Fingerabdrücken übersät: Aber was heisst hier ‘Fingerabdrücke’ – der Mörder hat sich die Hände eigens mit Latex überpinselt, sodass keine verwertbaren Spuren resultieren, obschon es nichts – rein gar nichts! – in der Wohnung gibt, was er nicht angetatscht hat. Unwahrscheinlich, dass all diese Spuren nur im Zusammenhang mit dem Mord hinterlassen wurden. Es scheint fast, als habe der Mörder hier gehaust. Die Tote ist polizeilich aktenkundig, mehrmals erstattete sie Anzeige gegen Unbekannt, weil sie das Gefühl hatte, jemand sei in ihrer Abwesenheit in ihrer Wohnung gewesen.

Jung und Alt nach Schema F

Die allerersten Ermittlungen fördern Verwirrendes zutage: Die Ungereimtheiten stapeln sich schon, als Sarah Brandt (Sibel Kekilli) noch den Tatort mit einem 3D-Scanner digitalisiert und sich, in mittlerweile hinlänglich bekannter, übermarkierter Betonung der Generationsunterschiede im neuen Kieler Ermittlerteam, über Kommissar Borowski (Axel Milberg) nervt, der ihr doch glatt im Zuge seiner altmodischen, ganz den eigenen Augen vertrauenden Tatortbeschauung ins Bild latscht. Auch dem Mörder Kai Korthals (überragend: Lars Eidinger) begegnet die Kommissarin gleich zu Beginn, er ist Pöstler, klingelt, gibt ein Paket für die Tote ab. Nebst scheinheiligen Nachfragen, was hier denn los sei, fällt Korthals durch den langen Blick auf die Kommissarin auf. Hier hat einer sein neues Opfer gefunden.

Nix Thesensprech, nix Papiersound, (fast) nix Klischee

“Borowski und der stille Gast” ist ein überdurchschnittlich spannender, phasenweise nervenaufreibender Tatort. Die Spannung der ersten sechzig Minuten sucht ihresgleichen: Wie scheusslich ist doch das Bild der nichtsahnenden Mutter, die sich um ihr Kind kümmert, derweil unentdeckt im Hintergrund der Killer steht und die beiden beobachtet. Solch überzeugende Bösewichte sind rar in dem an Thesensprech, Papiersound und Klischees (Ex-Tatort-Kommissar Gregor Weber im “Cicero“) reichen Tatortland. Korthals, dieser austauschbare Hornbrillen- und Baseballmützenträger, dieser fade Schlacks und Schluck Wasser, hält einen mehr auf Trab als ganze Staffeln sonstiger Tatort-Mörder. Das ist die Handschrift von Drehbuch-Autor Sascha Arango, der schon des Öftern für den Kieler Tatort geschrieben hat und der letztes Jahr in “Borowski und die Frau am Fenster” zeigte, wie man das abgrundtief Böse einer Mörderin haarsträubend deutlich aufzeigt.

Entsetzte Tatort-Gucker-Runde

Wie Lars Eidinger seinen Killer in die Leben der nichtsahnenden Opfer eindringen lässt, hat etwas Empörendes, Bedrückendes. Mit den kleinsten Gesten gelingt es ihm, einen Ausdruck des Entsetzens in die versammelte Tatort-Gucker-Runde zu zaubern. Eidinger verkörpert Korthals mit einer Mischung aus Psycho und Hanswurst, ist ebenso plausibel grausamer Killer wie arme Sau. Seine Darstellung geht deswegen unter die Haut, weil sie auf handelsübliche Sonntagabend-20:15-Uhr-Stereotypen verzichtet. Korthals mordet eher aus Versehen denn aus Absicht, der will nicht, dass es so weit kommt. Doch wehe, wenn ihm eine fremde Wohnung zu vertraut, wehe, wenn er von der Bewohnerin überrascht wird – dann schlägt er erbarmungslos zu und entführt sogar Kinder, um ihnen Lollis zu kaufen und mit ihnen im Wald zu verschwinden.

Kein Dauergrinsen, dafür Presslufthammer

Sarah Brandt, die neue Ermittlerin an Borowskis Seite, entwickelt endlich Tiefe. Dies dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass sie sich von ihrem Dauergrinsen trennt. Sibel Kikelli zeigt endlich mehr von ihrem Können, findet ihren Platz, hat endlich auch mehr zu tun als sich – mit einer Körperhaltung, als würde sie andauernd in der Hängematte liegen! – in fremde PCs zu hacken oder empörte, moralinsaure Exkurse zum Sexualleben von Verdächtigen nachzustellen. Das gefällt und tröstet darüber hinweg, dass die Unterschiede zwischen ihr und ihren Vorgesetzten immer noch mit dem Presslufthammer modelliert werden.

Korthals entkommt mit Loch im Hals

Das sind die ersten sechzig Minuten. Wie konsequent der Film danach gegen sich selbst vorgeht, sucht seinesgleichen. Das Ende ist total versemmelt. Warum lässt man den Mörder ins Gefängnis einbrechen, um Kommissarin Brandt (die sich dort vor ihm versteckt) heimzusuchen, anstatt dass er sie in ihrem abgelegenen, knarrenden Haus überfällt? Das lässt Zeit fürs obligate Psychospiel zwischen Borowski und Korthals, klar. Dennoch hätte man die Ruchlosigkeit (Dummheit?) des Mörders auch anders rüberbringen können. Das grösste Rätsel jedoch bleibt die Frage, warum der Mörder, der bislang wohl mit Perfidie, keinesfalls aber mit Hannibal-Lecter-mässiger Raffinesse glänzte, am Ende entkommt. Wie einer, der sich bei seiner Verhaftung ein Loch in den Hals stach, von der Bahre weg aus einem fahrenden Krankenwagen entkommen soll, ahnen wohl nur die Tatort-Macher: Hier wird doch nicht etwa ein neuer Gegenspieler der Kommissare installiert? Sucht Korthals von nun an den Kieler Tatort heim, wird er als Gespenst Borowskis Alpträume beleben, als auratische Erscheinung vor Brandts sehenswerten Epilepsieanfällen eingesetzt? Nur so würde sein Ausbruch Sinn machen. Damit sein finales Husarenstück glaubwürdiger erschiene, müsste Korthals aber vorher noch abgründiger sein, mehr berechnendes Scheusal denn planloser Schussel.

Laue Geschichte-in-der-Geschichte

“Der stille Gast” liegt denn auch, alles in allem – da mögen die Psychothriller-Elemente auch noch so packend sein – weit hinter der Kieler Psycho-Perle “Borowski und die Frau am Fenster” zurück. Die Umkehrung der Spannung besticht zwar auch hier, jedoch wird die durch den Verzicht auf weitere Verdächtige frei gewordene Sendezeit nicht mutig genutzt. Es fehlt ein weiterer Konflikt, der die Handlung vorwärtstreiben würde. Vorbildlich zeigt den Umgang mit solch neu gewonnener Sendezeit der Münchner Tatort “Nie wieder frei sein“. Mit der lauwarmen Geschichte-in-der-Geschichte des abermals bei Borowski Unterschlupf findenden Chefs (seine Frau hat ihn daheim mit einer Nutte erwischt) ist es nicht getan, ebensowenig mit den Krankheitsanfällen von Sarah Brandt. OK, Borowski kann eine Bratpfanne durch die Küche schleudern und sich als kontaktscheues, in die Ecke gedrängtes Arbeitstier zeigen, als fürsorgender Chef und alles. Das ist nett anzuschauen, wird aber den Ruch des Selbstzwecks nicht los, und so fehlt nicht viel bis zur toten Sendezeit.

Ein übler Verweis

Ganz schlechte Erinnerungen weckt beim Kommentatort hingegen die Referenz auf den letztes Jahr ausgestrahlten Henning-Mankell-Resterampe-”Wie schrauben uns einen Psychothriller zusammen”-Tatort “Der coole Hund“. Die Verweise auf diese “Ich spiesse dich auf, vergifte dich mit Tollwut und werfe dich mit gelähmten Beinen ins Wasser”-Altmännerfantasie hätte es in “Borowski und der stille Gast”, wo das Gespann Borowski-Brandt endlich Fahrt aufnimmt, wirklich nicht gebraucht. Dank der ersten sechzig Minuten und einem grandiosen Mörder schneidet dieser Tatort gerade noch ein bisschen mehr als genügend ab.

Note auf der Note auf der “Wie einst Lily”-”Nie wieder frei Sein”-Skala: 4.25.

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