Kommentatort 4

«Unterkühlte Rache mit getragenem Gesang»

Die Meeresstrasse zwischen Afrika und Malta, aus dem Satellit herangezoomt. Ein überladenes Flüchtlingsboot, Schreie, Versuche, das Schiff der Frontex-Grenzschutzmission zu erklimmen: Frontex ist eine private Agentur, die staatliche Sicherungsaufgaben übernimmt. Neudeutsch nennt man das Outsourcing, auf Althochdeutsch «bis zur Unkenntlichkeit ausgelagerte Verantwortungsstrukturen». Der Einsatz geht schief. Nur eine Frau überlebt. Sie heisst Amali. Getragene Musik untermalt Bilder von menschlichem Versagen und Zynismus. Das Elend der Flüchtlings- und Schleuserproblematik wird reduziert auf das Bild von einem Frachtcontainer mit Klimaanlage. Dann fährt ein LKW vor, bringt den Container in die Pampa. Ein wunderschöner schwarzer Racheengel steigt aus und macht sich davon.

Später besaufen sich Kommissar Stedefreund und sein Kumpel Peer vom Gewässerschutz Bremerhaven. Gemeinsam mit der rätselhaften Schönen aus dem Kühlcontainer gehen sie zu Peer nach Hause. Als Stedefreund aufwacht, ist sein Kumpel spurlos – bis auf Blutlachen! – verschwunden. Auch von Amali keine Spur. Die Fahndung führt in ein Flüchtlingsheim. Kinder stehen sich gegenüber, machen, was sie von den Erwachsenen gelernt haben, spielen zu hartem Gangsterrap mit Wasserpistolen das Spiel «Wir-exekutieren-uns-Gegenseitig». Ein Bild, das haarscharf am Klischee vorbeischrammt. Schockierend durch die Nebensächlichkeit, mit der es auftaucht und wieder verschwindet. Es ist dieselbe Nebensächlichkeit, die das Bild vor dem Klischee rettet.

Die Crew der Frontex-Mission, zu der auch Peer gehörte, verbirgt den blutigen Ausgang ihrer Mission. Die Geister der Vergangenheit lassen ihnen keine Ruhe. Verbissen markieren sie Normalität, Alltag sei die beste Medizin. Wo das Chargieren von Routine nichts mehr nützt, helfen Pillen, viele Pillen. Was aber hat es mit der Behauptung der Einsatzleiterin auf sich, dass die Frontex-Leute gezwungen wurden, zu verhindern, dass Flüchtlinge an Bord des Schiffes gelangen?

Auch solchen Fragen gehen Kommissarin Lürsen und Stedefreund nach. Sie haben eine neue Vorgesetzte, Lürsens Tochter, sie hat es noch vor der Mutter zu was gebracht und will gelobt werden. So was gibt es bei Kommissarin Lürsen aber nicht. Jedenfalls nicht wörtlich. In der Zwischenzeit entrollt sich ein vertrackter Fall, falsche Spuren werden gelegt und es drängt sich der Verdacht auf, dass der Racheengel Amali noch mehr Unterstützung haben muss. Kommissarin Lürsen enerviert sich an der Präsentation eines Satellitenüberwachungssystems so sehr, dass sie einem Staatssekretär die Nase bricht. Da kann es nicht schaden, dass die eigene Tochter ihre Chefin ist. Während die Crew der Frontex-Mission zur Vertuschung immer weiter geht, stellt sich, wie im Tatort von letzter Woche, die Frage, wann nun «endlich» die erste Leiche auftauche.

«Der illegale Tod» ist ein Tatort, der sich an ein heikles, von den verschiedensten gesellschaftlichen Diskursen gerahmtes – um nicht zu sagen vermintes! – Thema wagt. Doch im Gegensatz zu vielen anderen «Problemtatorts», gelingt es, die schlimmsten Klischees zu vermeiden und meistens den Zeigefinger auf Halbmast zu lassen. Auch kann es nie schaden, wenn Tatorte mit der Regel «Leiche in den ersten fünf Minuten!» brechen. Aber die Hunde! Da hat man einen deutschen Schäferhund, und was tut der, als Herrchen mit der Knarre bedroht wird? Nix. Nicht einmal knurren, nix. Wenigstens das Hündchen der Kommissarin Lürsen apportiert, wie man es erwartet. So weit ist die Welt noch in Ordnung. Was man von den letzten zehn Minuten dieses Tatorts nicht behaupten kann. Hier schraubt sich alles dem tragischen Höhepunkt zu. Und am Ende gibt es sogar zwei Leichen. Hätte eigentlich für eine 5 gereicht, aber manchmal ist der begleitende Gesang und generell die Musik zu dieser unterkühlten Rache einfach ein bisschen zu getragen geraten.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.5.

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