Kommentatort 7

«Eva und die nassen Sachen»

Nasse Sachen waren im Stasi-Slang Mordaktionen an Regime- und Systemgegnern. Woher ich das weiss? Von einem DDR-Sightseeing in Leipzig. Ein verbissen dreinschauender Touristenführer hat vor der Nicolaikirche Broschüren über ungesühntes DDR-Unrecht verteilt. Da waren Namen und Adressen von ehemaligen Stasimitarbeitern dabei. Das ist praktisch, falls man einen privaten Rachefeldzug plant. Aber nein, bei Stoibers Modelleisenbahn, alles Quatsch, ich war nicht in Leipzig und das ist noch immer der Kommentatort, wenn auch des Pfingstmontags wegen am Dienstag erst. Man wird ja wohl noch sein media res aufpeppen dürfen!

Zwei Müllsammler leeren Müllcontainer. Als Krimifan erwartet man die Leiche in einem der Container. Aber Achtung, der Tatort kennt solche Klischees, weshalb die Leiche aus einem Auto geschmissen wird. Der Tatort kennt nicht nur unsere Klischees, sondern produziert auch eigene. Dieses Mal: «Nichts geschieht nur einmal, alles hat Parallelen». Schnitt. Kommissarin Eva Saalfeld entrümpelt mit ihrer Mutter Kartons mit den Sachen von früher. Alles Erinnerungen, an die Kindheit, an den toten Vater, meint Eva, während ihre Mutter von Müll redet.

Egal, Saalfeld muss an den Tatort. Der Tote heisst Kerides, ist zypriotischer Grieche und wurde, nachdem er versuchte, jemanden zu erwürgen, erschlagen. Kerides war Gebrauchtwagenhändler. Bald treffen die Kommissare Saalfeld und Keppler auf seinen Geschäftspartner (den wir aus «Im Angesicht des Verbrechens» kennen). Der bleibt cool, ergreift jedoch nach dieser Aufwartung die Flucht. In einem Anflug von Aktionismus stürmen Saalfeld und Keppler später die Garage, in der sie den Flüchtigen finden. Saalfeld schiesst auf den Ganoven, wobei unklar bleibt, ob er bewaffnet war. Das kostet Saalfeld provisorisch den Job.

Die nächste nasse Sache, pardon: Leiche ist ein älterer Herr mit Spuren von einer Eisenschlinge am Hals. Uraltes Schreibmaschinenpapier aus Ostproduktion findet sich in seiner Wohnung. Der Mann war bei der Stasi und hat sich nach der Wende auf die Auswertung und Vergoldung seines privaten Birthlerarchivs verlegt. Es taucht eine Stasiakte auf, die den Tod von Saalfelds Vater aufklärt. Der wurde in den 80er-Jahren als Volkspolizist im Einsatz getötet. Saalfeld berichtet ihrer Mutter. Die stellt die Gretchen-Frage nach der Quelle dieser Informationen. Es sei, so die Tochter, eine Stasiakte. Dann solle sie jetzt also, so die Mutter, einer Stasiakte vertrauen. Warum über den Tod eines Volkspolizisten eine Stasiakte existiere. Das hat sich Eva Saalfeld nicht gefragt.

Ein bisschen Schwung bekommt der Tatort aus der Konkurrenz zwischen dem Spurenleser von der KTU und der Pathologin. Der Spurenleser kann es nicht ab, wenn seine hübsche Leichenkellerkollegin schneller arbeitet als er. Auf die Witzchen der Kommissare reagiert er kurzangebunden. Positiv ist, dass dieser Tatort die Stamina hat, Kommissar Keppler als Nichtautofahrer zu zeigen, der das Taxi nimmt und sich von einer Verdächtigen auf dem Parkplatz stehen lässt. Auch gut, dass diese Episode nicht von Anne Will nachbearbeitet wurde (siehe Kommentatort «Klar wie Käse in der Zuckerdose»). Super, wenn dreissig Sekunden nach dem Abspann des Tatorts der nächste Krimi, Mankells dreizehnter Wallander, beginnt.

Das wars, dieser Tatort will zu viel. Spannung, Action, Vergangenheitsbewältigung, Aufarbeitung von Saalfelds Biografie. Die bemühten Parallelen langweilen. Auch nicht besser wird es durch die überzuckerte Musik, die am Ende, auf dem Höhepunkt der Wiedererkennungshandlung zwischen Saalfeld und dem grossen Unbekannten, über die Zuschauer hereinbricht. Das reissen weder die putzig herausgespielten Standesunterschiede zwischen den Streifenbeamten und den Kommissaren noch der dünn ausgewallte Running-Gag mit Kepplers Winterkleidung heraus. Wie sagte Keppler noch einmal? Es gäbe Sachen, mit denen man einfach nicht warm würde. Dem kann man sich nur anschliessen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.

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