Kommentatort 8

«Die Frauen, das Runde und das Eckige»

Im Fussball gehört das Runde ins Eckige und nicht, wie wir es als Kinder mit unseren speichelfesten Formensteckkästen lernten, das Runde ins Runde und das Eckige ins Eckige. Somit rüttelt der Fussball an den Grundfesten des Weltempfindens. Während sich diese Unsicherheit auf die Seite der Fussballbanausen konzentriert, erschüttert die Existenz von Frauenfussball und einer Frauen-WM oftmals gerade jene, die es eigentlich besser wissen müssten. Um das Runde ins Eckige zu bringen, genügen nämlich zwei Beine. Das weiss auch die Redaktion des Ludwighafener Tatorts.

Die muslimische Starstürmerin Fadime wird erschlagen in der Dusche aufgefunden. Kurz zuvor hatte sie als Hoffnung ihres FC Eppenheim brillieren und Fotos in Unterwäsche von sich schiessen lassen dürfen. Die Kommissarinnen Odenthal und Kopper raten drauf los: Vergewaltigung! Täter und Opfer kannten sich! Jemand aus der Mannschaft! die Trainerin! Viele Klischees in kurzer Zeit. Auch der Vater der Ermordeten paradiert mit platten Sprüchen, wundert sich, warum Kommissarin Odenwald den Fall bearbeitet und kein Mann.

Coppa hat wenige Szenen später jede Gelegenheit, Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit wachzurufen. Bei der Hausdurchsuchung – die er einem neuen Tatort-Trend folgend, ohne Verstärkung durchführt! – hält er den Revolver wie ein Affe seine Banane. Coppa stellt den Verlobten der Toten. Der hat zwar seinen Glauben gewechselt, damit er Fadime heiraten kann, es jedoch versäumt, ihr eigentliches Credo zu beherzigen, spricht herablassend von König Fussball. Von einer abgesagten Verlobung will er nichts gewusst haben.

Zu einer Mischung aus Gruselkabinett und Einbürgerungsamtsprosa geräts, als der Vater seine Tochter aus dem Leichenkeller entführt, um sie den Riten gemäss zu bestatten. Dass es hier Gesetze gäbe, tadelt Kommissarin Odenwald, an die man sich halten müsse, unbetracht von Hautfarbe, Glaube und Herkunft. Ende des Staatskundeunterrichts. Für kurze Zeit rückt die Mutter der Toten in den Kreis der Verdächtigen, wenn auch nur halbherzig, da sich Tatorte an die Regel halten, dass Minderheiten zwar ermordet werden, aber nicht selbst morden. Nach und nach konzentrieren sich die Verdächtigungen auf dem Ex-Verlobten sowie dem Sponsor der Teams, der von einem ambitiösen Umbau des Stadions träumt. Als der den langjährigen Platzwart des Vereins rausschmeisst, scheint seine Verworfenheit bewiesen. Doch was geschieht dann? Wer entwickelt denn da ein so ausgeprägtes Burnout und stürzt sich in allerbester Michael-Douglas-«Falling»-Manier auf die Totengräber des Fussballs? Sport ist eben wirklich Mord.

Ein Tatort, komplementär zur letzten Episode von Kommissarin Lindholm in Kiel.Waren es dort schwule Fussballer, ist es hier eine sexy Kickerin, die sich gegen alle Widerstände für eine Profikarriere entschied und sich nicht damit abfinden wollte, zwar wie ein Profi zu trainieren, aber nur wie ein Amateur bezahlt zu werden. Die Musik ist stimmig, was man von den meisten letzten Tatorten nicht behaupten kann. Schlüssig ist der Konflikt zwischen den Leichenbeschauern um den genauen Todeszeitpunkt: Bildet sich hier ein neues Tatort-Fach heraus, Demontage von KTU, Labor und Spurensicherung? Ist das nicht Dr. Börnes Domäne?

Sehr störend waren die zwischengeschobenen Heimvideoaufnahmen, die absolut unglaubwürdige und dramaturgisch unmotivierte Entführung der Leiche und die letzte Szene, als die Kommissarinnen unter sich ausmachen, wer als nächster den Müll rausbringen muss. Dass in einer Woche die Frauenfussball-WM in Deutschland beginnt, macht diese Folge auch nicht besser. Krimi in Echtzeit, gern, dann aber schlüssiger als hier. Und, ach, die Selbstreferenzialität! Warum man zur Darstellung von Theo Zwanziger, Oliver Bierhoff und Jogi Löw ausgerechnet Jogi Löw, Oliver Bierhoff und Theo Zwanziger anheuern muss, ist ein Geheimnis, welches sich dieser Tatort nicht entlocken liess.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.75.

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