Kommentatort 9

«Eher Schenk als Bootz»

Der erste Schweizer Tatort-Kommissar seit zehn Jahren, Reto Flückiger, bekannt aus dem Konstanzer Tatort (wo er Frau Blum den Kopf verdrehte), will sich nur rasch an seinem neuen Arbeitsort vorstellen und dann seine Ferien geniessen. Die Begrüssung durch den trotteligen Vorgesetzten, Regierungsrat Mattmann, ist vielversprechend frostig: Lebt doch ein guter Teil der Tatorte durch Spannungen zwischen den Kommissaren und deren Vorgesetzten (vgl. Klemm und Börne, Tatort Münster). Natürlich klappt das nicht mit Flückigers Ferien. Tatortkommissare und Ferien geniessen bzw. Freizeit oder Privatleben haben, das geht nicht. Nie. Da kommt eine Wasserleiche wie gerufen. Widerstrebend hilft Flückiger bei den Ermittlungen. Kantonsratswahlen stehen bevor. Ein entführter Politiker gesellt sich zur Wasserleiche. Zwei Fälle also, wobei es lange nur den Zuschauern klar ist, dass die Fälle zusammengehören. Eine Geldübergabe geht schief und noch eine Leiche, die am hässlichsten zugerichtete seit vielen Tatorts, taucht auf. Ehefrau, Knacki, Privatdetektiv, Schläger, Schiesserei: Mehr soll zu dem Fall nicht gesagt sein. Es wäre unfair, diesen Tatort zu sehr auf den Fall zu reduzieren, es geht um Wichtigeres: Um die Einführung eines neuen Teams.

Die Visitenkarte jedes Tatort-Kommissars sind die Dialoge. Wenn man sich einige vor sprachlichen Klischees nur so strotzende Gastauftritte von Schweizer Ermittlern in deutschen Tatorten vergegenwärtigt, muss man sagen: Supi, bi dä Kripo Luzern redet me, wie eim dä Schnabel gwachse isch. Aber halt mal: Wie redet man hier? Schweizerdeutsch, also, ähm – dingsda. Natürlich holperts manchmal (hochdeutsches Drehbuch, Schweizerdeutsch vorgelesen: «villicht gits da no en Zuegang vo dem mier nüt wüssed»; US-Schweizerdeutsches Lalala: «vo dem hani gheard, sure, no problem»): Trotzdem ein Fortschritt, ein spielerischer, relativ unverkrampfter Umgang mit der Mundart. Nicht hin- und hergerissen zu sein zwischen Dialekt und Bühnendeutsch tut den Figuren gut. Was gar nicht geht, ist die Vorstellungszeile des Kommissars: «Mein Name ist Flückiger, Reto Flückiger».

Davon abgesehen ist die Figureneinführung recht gelungen (vorausgesetzt, es bleibt beim US-Gastspiel): Gewisse Elemente waren zwar ein bisschen zu gefällig, etwa das Jobgespräch zwischen dem Kommissar und seiner guten Seele aus dem Leichenkeller. Auch das Techtelmechtel mit der hübschen US-Kollegin hätte z.B. zugunsten weiterer Einführungen des knorrigen Vorgesetzten oder des Regierungsrats aufgegeben werden können. Aber herrje, was will man, schliesslich hat man 90 Minuten, zwei Tote und eine Nation von Sofa-Experten vor sich. Ein solider Krimi ist eben immer noch ein guter Krimi. Wers nicht glaubt, soll gelegentlich mehr Tatort schauen: Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Von der Spannungsführung her, was das Zusammenfinden von Wasserleiche und Entführung samt resultierendem Twist betrifft, vermag dieser Tatort zu überzeugen.

Richtig bös geraten ist die Figur des im Rollstuhl sitzenden Politikers, der mit einem einzigen Satz mehr Bösartigkeit und Abgründigkeit in den Film bringt, als sämtliche von Flückigers Sperenzchen zusammen, etwa die illegale Beweismittelbeschaffung (Standard bei heutigen Tatorts) und die nach vielen Überstunden im Präsidium auf dem Fussboden verschlafene Nacht (Tatortkommissare tun das, sie markieren damit Arbeitssucht, Pflichtbewusstsein, Getriebenheit, fehlendes Privatleben etc.). Zwar wird an dieser Tatorthodoxie vermehrt rumgefummelt, etwa beim Stuttgarter Tatort, wo Kommissar Bootz Frau und Kind hat und Kindergeburtstage organisiert. Jedoch gerät die Arbeits-Privatleben-Mischung des Kommissars auch dort ganz tatorthodox, wenn er während der Kinderparty den aktuellen Fall mit seinem Kollegen bespricht. Kinder hat Flückiger, wie mehrfach betont, keine, wird er auch nicht haben, nie, wahrscheinlich noch nicht einmal einen Hund, schliesslich hat er einen Job und ein Segelboot. Sein Frühstück ist er lieber allein. Er ist eher Schenk als Bootz.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.5.

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