Kommentatort 10

«Eine Krücke ist eine Krücke ist eine Krücke»

Ein Baulöwe wird erschlagen und kopfüber an einem Kran aufgeknüpft. Kommissar Eisner nimmt die ersten Verdächtigen ins Visier, zwei Männer, die in zerrissenen Kleidern durch den Wald irren – abgeschobene ehemalige mazedonische Schwarzarbeiter, die auf einer anderen Baustelle arbeiteten. Der Subunternehmer, für den sie schufteten, meldete Konkurs und setzte sich ab. Jetzt sind sie zurück im Tirol, um ihren ausstehenden Lohn zu holen, zehntausend Euro. Waren sies? Oder der ehrgeizige Journalist? Oder die um viele Jahre jüngere Ehefrau des Toten, sein Sohn, seine Exfrau?

Eisner geht an Krücken und humpelt mit seinem Kollegen den Spuren nach. Hat sich Eisner, dem ja in der letzten Episode ein rasches Ableben prophezeit wurde, falls er seinen Lebenswandel nicht ändere, beim Lauftraining verletzt? Offiziell behauptet er, die Treppe runtergefallen zu sein, was man ihm glaubt – obschon es noch eine der interessanteren Fragen ist. Die ganze Zeit über begegnet Eisner dem Journalisten, der kümmert sich um die beiden Mazedonier, gibt ihnen Tipps, wie sie an ihr Geld kommen könnten. Er ist ein zwar dauernd fotografierender, jedoch durch und durch idealistischer Vertreter seiner Zunft, der den Armen und Schwachen hilft, ohne auf die Auflage zu schielen. Warum aber schickt er die beiden geprellten Bauarbeiter zur Witwe des Ermordeten? Und dann taucht der flüchtige, vom Toten betrogene Subunternehmer wieder auf, eine zwielichtige Gestalt, darauf spezialisiert, zu Spottpreisen Arbeitskräfte aus dem Osten auf österreichische Baustellen zu karren und auszubeuten.

Es ist ein zäher und mühsamer Fall mit einem Eisner, der nicht nur an Krücken geht. Er ist ein Schatten seiner Selbst. Eine Krücke ist eine Krücke ist eine Krücke: Sein geschientes Bein und das Gehumpel sind das perfekte Sinnbild dieses lahmen Krimis. Den bösen Blick und seine unverkrampfte Härte mag er nach wie vor haben, jedoch geht ihm der sonst typische Schmäh ab – und ohne den bleibt nicht viel übrig. Wenigstens hat er seine neue Assistentin Bibi Fellner, die in der letzten Episode eingeführt wurde, nicht dabei. Der je länger je weniger geneigte Zuschauer kriegt bloss Klischees um die Ohren gedroschen – warum im Tirol österreichweit am meisten Vatermorde passieren? Weil die Tiroler machtbewusste, knorrige Patriarchen seien. Das Olympische Dorf in Innsbruck, die Heimat der Witwe, wird als verkappter Slum dargestellt. Einen insektenhafteren Journalisten hat man selten gesehen. Und dann tritt Eisner auch noch als Almosengeber gegenüber den leer ausgegangenen Bauarbeitern auf, sie sollen die zwanzig Kröten nehmen, sich ausschaffen lassen und dann, wenn er ihnen einen Rat geben dürfe, «bleibts auch dort».

Das brisante Thema ist völlig verbaut und zubetoniert. Da helfen auch Einsatzkommandos und Blaulichtfahrten nichts. Wohl hat man versucht, die von diesem Tatort ausgestrahlte Langeweile (wie schon im letzten österreichischen Tatort) so weit wie möglich mit einem Potpourri an Filmmusik zu übertünchen, aber damit ist der Sache nicht gedient. Da mag es auch noch so dramatisch poltern, noch so sphärisch einherschweben, noch so stilvoll bliepen und bloppen – ein grösseres Augenmerk auf Geschichte wie Dialoge wäre der Sache förderlicher gewesen.

Dieser Tatort, das sind neunzig Minuten Schielen nach der Fernbedienung, neunzig Minuten Spielen mit dem Gedanken, das Onlinebanking zu starten und Rechnungen zu zahlen, liegen gebliebene Mails zu beantworten oder Schuhe zu putzen. Bis auf Vor- und Abspann ist hier nichts zu sehen. Wenigstens hat Eisners Mitermittler Umtriebe mit seiner Mutter, die ihn dauernd auf dem Handy anruft. So wartet man gespannt auf die Variationen dieses Gags, in der Gewissheit, dass Eisner die Pause nötig hat, um sein Bein hochzulagern.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 2.

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