Kommentatort 11

«Vor verschlossener Wurstbude»

Wenig ist in der heutigen Tatort-Landschaft so sicher wie der Abschluss des Kölner Tatorts. Der endet seit Jahren bei Kölsch und Currywurst, an der Wurstbraterei mit Sicht auf den Dom. Der Clou: Die Wurstbude gibt es auch im ‚echten’ Köln, jedoch nicht an derselben Stelle. Sie wird für den Dreh dort hingekarrt. Schenks/Ballaufs Wurstbude ist ein Mittel unter vielen, um vage Gefühle von Authentizität, Heimat, Zugehörigkeit zu erzeugen. Da muss es echter als im echten Leben zugehen, sonst verstehen es die Zuschauer womöglich nicht. Wer weiss, ob sich auch Flückigers Parkbank am Vierwaldstättersee zu einer Boje im Zeitmeer mausert. Was aber sagt uns das, wenn ausgerechnet im 50. Kölner Tatort die beiden Kommissare vor verschlossener Wurstbude ihren Frühschoppen nuckeln? Klar, sie haben die Nacht durchgemacht; bei der Arbeit, versteht sich, nicht beim Saufen. Dummerweise hat Ballauf in derselben Folge ein Transferangebot vom BKA bekommen. Ausgerechnet nach Wiesbaden solls gehen, wo der neue Kommissar Murot nach seinem letztjährigen, in sintflutartigen Regieeinfällen Ersoffenen Einstand tatsächlich Beistand nötig hätte. Vielleicht hat Munrot mit seinem Hirntumor namens Lily doch nicht genug Gesellschaft? Es sind solche Fragen, die den Kommentatort 90 Minuten lang auf Trab halten.

Unerträglich sind die Anfangsbilder in der Kneipe. Die Mordkommission III feiert ihr 50-faches Bestehen, es wird gebechert und gefeiert. Etabliert sich hier etwa eine neue Tatorthodoxie, Kneipe, viel Alkohol, wenig Drehbuch, Arbeitstiere, ausgelassen feiernd, entsprechend unglaubwürdig? Das Ganze gerät so peinlich, dass das grinsende Wiehern des KTU’lers noch eine der schlüssigsten Szenen ist. An Stedefreunds Gebechere kommt das nicht heran.

Irgendwann steigen Ballauf und Schenk ganz nebenbei in den Wagen, den Freddy wie immer in der Asservatenkammer klargemacht hat, und landen wie durch Geisterhand bei einer Leiche (uh, huh: Weder Mord noch Alarmierung der Kommissare gezeigt). Eine bösartige Vermieterin! Schusswaffenopfer. Luftdruckrevolver! Kleinkalibrig. Ein winziges Einschussloch, kaum grösser als ein ordentlicher Mückenstich. Wo ist der zweite Schuss hin? Wo sind die 300’000 Euro der Vermieterin? Aufzug der Verdächtigen. Die bettlägerige Frau? Der Transsexuelle Mieter, Trudy Holz vorn Hütten? Das Stadtviertel soll aufgebretzelt und durchgehippt werden, Gentrifizierung nennt man das, das klingt besser als „Wohlstandsghetto“ und rechtfertigt die höheren Mietaufschläge. Ist das ein Motiv? Wars der schlabberige Sohn? Dessen Freundin? Der Wettkönig? Die Jugendlichen aus dem Park? Das Feld der Verdächtigen ist abgesteckt und wird am Ende von unerwarteter Seite aufgemischt.

Ein melancholischer Film ohne Schmalz, wenn man vom operettenhaften Ende des Mannsweibs absieht. Aber nach einer solchen Parforceleistung hat man sich den Abgang verdient. Sowieso, die Binnenhandlung, Binnenhandlung! Abgründe von gegenseitiger Abhängigkeit, Wandlung, Fürsorge, Liebe, Kälte. Wie selten in einem Tatort. Am wichtigsten war eh nicht die Frage nach dem Mörder, sondern, ach! ob Ballauf nun nach Wiesbaden geht oder nicht. War das nur eine Zote selbstbewusster Kölner Drehbuchschreiber gegen die Wiesbadener Neulinge? Warum kommt der nächste Kölner schon in Wochen statt in Monaten? Ist da was im Busch? Warum blendet die ARD nicht ein Ausrufezeichen ein oder spielt erschütternde Musik, wenn Max Ballauf auf einmal in einer Wohnung (sic!) statt in der Pension wohnt? Ist das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen, wenn Ballauf auf seine alten Tage zu menscheln beginnt? Ist die Figur futsch oder steht sie vorm Neustart? Am Ende bleiben alle Fragen offen, bis auf die nach dem Mörder.

Ein ausgezeichneter Tatort, der mit dem Minimum an Klischees operiert und es mit Axt, Binnenhandlung, versteckten Spitzen und Suchbildern schafft, über die lindenstrassenhafte Nähe zwischen den Verdächtigen, den Quartiermuff und das Kleinkarierte der Tapeten, hinwegzutäuschen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.5.

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