Wo ist eigentlich Tobias?

Das K11 in Leipzig hält sich im Tatort „Todesschütze“ zwar zurück, was die internen Rangeleien angeht, dennoch wirkt die Geschichte heillos überladen.

Ein Herbstabend in Leipzig: Die drei bösen Jungs nennen sich „Alter“, sagen „vollkrass“ und „voll das fette Teil“, gleichzeitig sind sie in der Strassenbahn betrunken und fies. Sie nehmen einem Schwächling das Handy ab und das Ehepaar Winkler findet sich nach dem Ausgang mitten in einem urbanen Alptraum wieder.

Sollen sie Zivilcourage zeigen, dem Schwächling helfen? Die Lehrerin Anne Winkler ist es endlich, die eingreift. Das verheisst nichts Gutes, nur Augenblicke später, nachdem das Paar ausgestiegen ist, werden sie von drei Schlägern überfallen und brutal zusammengetreten. Zwei Streifenpolizisten beobachten die schlimme Tat von einer Bulettenbude aus, rennen den bösen Jungs nach, schaffen es aber nicht, die Täter zu fassen.

Mit Kommissarin Saalfeld (Simone Thomalla) geht die Sonne in Leipzig auf. Pflichtbewusst und ganz schön auf Draht holt sie ihren Ex und Kollegen, Kepler, in seiner Pension ab. Kepler will aber zuerst einen Kaffee, und es ist Zeit für die erste erinnernswerte Dialogzeile: „Halbtot, was wollen wir da?“ Saalfeld erklärt ihm, der Polizeichef wolle, was Prügeleien angehe, ein Exempel statuieren und darum müssten sie sich als Mordkommission drum kümmern. Noch sind nicht zehn Minuten vorbei und der Krimi behält einen schnellen Rhythmus. Erst als Saalfeld das Opfer im Krankenhaus besucht, und die Ärztin in einem düsteren Krankenhauskorridor erklärt, dass die Lehrerin mit Zivilcourage noch immer im Koma liege und sie das Baby der im fünften Monat Schwangeren nicht hätten retten können, bekommen die Zuschauer eine Ahnung, was sie noch erwarten könnte.

Nach zehn Minuten macht der Leipziger Tatort die erste Volte: Der Mann der mutigen Lehrerin unterrichtet ebenfalls – und zwar Kunst – und darum hat er Skizzen von den drei bösen Jungs gemacht. Saalfeld erkennt sofort, dass die Streifenpolizisten die Jungs kennen müssen. Nicht nur das, einer der drei ist der Sohn des Streifenpolizisten Rahn und erstmals hört man die Worte: „Wo ist eigentlich Tobias?“

Der zweite böse Bube heisst Degner und wurde aus der Bundeswehr rausgeschmissen, weil er wie Kepler sofort erkennt unter Parkinson leidet. Der Dritte heisst Robin, hat in der Wohnung im Plattenbau kein eigenes Zimmer, weil dort seine todkranke Grossmutter liegt. In diesem Moment sind 22 Minuten vorbei.

Und nicht nur, dass niemand eine Ahnung hat, wo eigentlich Tobias ist, nein, langsam wächst auch die Gewissheit: Die Welt ist schlecht, sehr schlecht – eine brutale Schlägerei, ein Opfer im Koma, ein Fötus verloren, Täter, die auch Opfer sind, Parkinson und ärmliche Lebensumstände. Der Herbst in Leipzig ist richtig schwierig.

Während die drei bösen Buben auf einer Art Pausenhof saufen (Ah, da ist er, Tobias!), Saalfeld und Kepler vom K11 vornehmen, sich nicht mehr verarschen zu lassen, schiesst ein Paparazzo im Spital Fotos, Herr Winkler konfrontiert im Bulettengrill die beiden Streifenpolizisten und es wird klar, dass Tobias’ Eltern schlimme Eheprobleme haben. Es kommt zum zweiten Dialoghighlight. Beim Buletten bestellen von Herrn Winkler aufs Schlimmste beschimpft, sagt Streifenpolizist Maurer zu Streifenpolizist Rahn: „Phillipe, ich hab’ kein gutes Gefühl.“ Bei dieser Ausgangslage ist das nicht einmal mit einem gesunden Zynismus mehr zu erklären. Dieses Gefühl wird einen Augenblick später noch verstärkt, denn Saalfeld weiss jetzt auch, dass etwas nicht stimmt. Bedrückend ist wie Herr Winkler am Bett seiner Frau weint. Dreissig Minuten vorbei.

Wieder geht die Sonne in Leipzig mit Saalfeld auf. Und zwar entschuldigt sie sich bei Winkler, der ihr erzählt wie schwierig es für seine Frau gewesen sei, schwanger zu werden. Unterdessen ist der Zeitungsartikel mit den Paparazzo-Bildern erschienen, und das Problem der Selbstjustiz wird angeschnitten. Es solle nicht ermittelt, sondern gehandelt werden, fordert Winkler. In der nächsten Viertelstunde folgen allerlei Konfrontationen. Der Höhepunkt ist diejenige zwischen den drei biersaufenden Jungs auf dem Pausenhof und Winkler, der sich schliessslich mit ihnen prügelt und der Tobias mit einem Elektro-Schocker tasert, so dass dieser im Krankenhaus landet. Just als ihm Kepler und Saalfeld die Leviten lesen, von wegen Selbstjustiz und so, bekommt Winkler einen Anruf:  Der Zustand seiner Frau sei kritisch. Als er im Krankenhaus ankommt, ist ihr Bett schon leer. Die Szene ist sehr stark und bedrückend.

Ab Minute 46 verfolgen wir verschiedene Stränge. Die beiden K11-Kommissare nehmen sich nun vor, doch noch etwas mehr Gas zu geben. Es folgt die dritte Highlight-Dialogzeile als der Vater Tobias vom Krankenhaus abholt. Als Tobias auf die väterlichen Ermahnungen mit Drohungen und Flüchen reagiert, sagt er: „Tobias, wir sind doch nicht im Krieg.“

In diesen Momenten relativer Ruhe finden Saalfeld und Kepler Zeit für einen Drink und für ein Tänzchen in Keplers Pension. Unterdessen fragen sich die Eltern schon wieder, wo Tobias sein könnte und gestehen sich ein, dass er ein Schläger ist. Bedeutungsschwanger fragt die Frau den Streifenpolizisten: „Was meinst du, woher das kommen könnte?“

Bald ist die zweite halbe Stunde vorbei. Wer der neueren Tatort-Dramaturgie folgt, weiss, was nun kommen muss: Ein zweiter Toter! Um dramaturgisch Druck zu machen. Bis jetzt hätte man aber drauf gesetzt, dass es Kunstlehrer Winkler ist, der zum Jagdgewehr greift und den bösen Jungs zeigt, wo der Hammer hängt.

Doch weit gefehlt. Aufgewühlt verschüttet Tobias’ Vater Kaffee im Streifenwagen. Während er die Diensthose wechseln geht, fährt sein Kollege weiter zum Bulettenimbiss. Die letzten Worte, die er über Funk hört, sind: „Denk’ an die Buletten für Katja.“ Dann wird er von einem Estrich aus erschossen.

Allen nun folgenden Irrungen und Wirrungen zum Trotz: Die Szene mit Saalfeld und der Frau des Opfers an der Tankstelle schafft in ihrer Schlichtheit und Ausdruckskraft ein filmisches Highlight. Nun beginnt eine ernsthafte Jagdgewehrsucherei und die Auswahl an entsprechenden Gewehren ist überraschend schnell überraschend gross. Es ist Kepler, der mit Stossseufzer: „Wenn Morde nur immer so rational ablaufen würden…“ für ein weiteres Dialoghighlight sorgt. Hingegen fällt es schwer, den Running Gag von Saalfeld  „Bingo!“ bei Ermittlungserfolgen zu verzeihen.

In Minute 70 taucht das Video von Papi Rahn auf. Sturzbetrunken vergeht sich der Streifenpolizist an einem Fest an einer Serviertocher und wird fortan vom von Parkinson geschüttelten bösen Buben Degner erpresst. So kann dieser im Viertel Metall klauen und Leute verkloppen. Immer gedeckt von Rahn. Winkler schiesst dann auf dem Pausenhof, wo die drei Bösen Buben rumsaufen, auf Plattenbau-Robin, um den Selbstjustiz Strang zu schliessen. Im Showdown in den letzten zehn Minuten werden Kepler und Tobias (da ist er ja endlich) entführt, das Sondereinsatzkommando eingeschaltet und der böse Degner erschossen.

Keplers Mitgefühl nach der Exekution ist ein sehenswerter schauspielerischer Moment und obwohl der Leipziger Tatort ein rasanter, gutgemachter und sicher abwechslungsreicher Film war, ist die Erleichterung am grössten darüber, dass es er nun endlich fertig ist. Denn mit der knallharten, kalten Erschiessung des zwar bösen aber letztlich doch benachteiligten Degner kommt ein weiteres Problem zu all den anderen Problemen dazu: Exekution durch die Polizei. Die Liste an sozialen und gesellschaftlichen Tragödien ist am Ende einfach zu lang.

Vielleicht ist es Zahlenhuberei. In 90 Minuten wurden die Hauptprobleme: Gewalt im öffentlichen Raum, Jugendgewalt, Parkinson, Armut, Schwangerschaft, väterliche Loyalität, Eheprobleme, Selbstjustiz, Erpressung per Video (ein Tatort-Standard, das auf dem Computer gelöschte jedoch von der Polizei gefundene Video) und Exekution durch den Staat abgehandelt. Nebenprobleme sind dabei noch jugendliche Säufer, gestresste Streifenpolizisten, Polizisten, die Wahrheit vertuschen undsoweiter. Die solide Inszenierung und die ordentliche Schauspielerei nützen dem Film nichts: Unter der Last des Drehbuchs bricht er schlicht und einfach zusammen.

*** 

Krasses Missverhältnis von Botox zu Sorgenfalten. Was sie sich in die Lippen pumpt, könnte ihn glatt um zwei Jahrzehnte verjüngen! Ihre Lippen amortisieren sich beim zuschnüren und schmollend schauen, während seine Stirne erst richtig rentiert, wenn sie, wie oben gut zu sehen, in tiefe Falten zerkraust worden ist!

 

Was von “Todesschütze” bleibt

Eine krause Stirn macht noch keinen Tatort! Botox amortisiert sich nicht, nie! Und Andy Strässle schreibt hoffentlich bald schon wieder für den Kommentatort!

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