Kommentatort 57 – Tatort “Im Namen des Vaters”

Der neue Frankfurter Tatort “Im Namen des Vaters” zeigt ohne Firlefanz die beklemmende Abscheulichkeit eines Mordes auf: Jemand kommt nicht wie erwartet nach Hause, weil jemand von jemanden ermordet wurde. Hier wird das essenziell Böse des Tatbestandes so konsequent durchgezogen, dass man es kaum aushält.

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Agnes Brendel ist in ihrem Quartier bekannt wie ein bunter Hund, fällt den allermeisten Leuten jedoch so recht erst als Leiche auf: verprügelt, erwürgt, weggeschmissen. In den Kneipen tauschte die am Rande der Gesellschaft Stehende noch am Silvesterabend Schnaps gegen Geselligkeit ein, liess sich Runden ausgeben, für die sie sich hinterher wie bewährt im Bett erkenntlich zu zeigen gedachte. – Nur ihr Sohn macht sich Sorgen um sie, als sie nicht nach Hause kommt, während ihr gewalttätig-debiler Lebenspartner sich keinen Deut um sie kümmert. Dafür fasst er einen desto abgründigeren Plan.

 

Es ist der frühe Morgen des ersten Januars eines schon wieder neuen Jahres. In ihrem Quartier kennt jeder Agnes Brendel (Anna Böttcher), jeder hat so seine Wahrnehmungen von ihr, die sich gerne ausgiebig in Kneipen herumtrieb. Einzig ihr Sohn Christian Brendel (Vincent Redetzki) macht sich Sorgen um sie, als sie nicht nach Hause kommt, während ihr Lebenspartner sich lieber mit ein paar jüngeren, dralleren Prostituierten in den Laken tummelt. Schon ganz am Anfang entfaltet dieser Tatort ein stilles Grauen, atmet die Beklemmung des hilflos auf seine Mutter wartenden, besorgten Sohnes, die scharf kontrastiert mit der Gleichgültigkeit ihres weiteren Umfelds.

Schweigen in einer ganz eigenen Logik

Die Kommissare Mey (Nina Kunzendorf) und Steier (Joachim Król) machen sich an die Lösung des Puzzles. Agnes Brendel war, was die ARD-Ankündigung einen “bunten Hund” nennt: Vom Kneipier, von den Kneipenstammgästen, vom Kioskbesitzer bis zum Pfarrer können sich alle daran erinnern, wann sie die Tote zuletzt gesehen haben. Agnes Brendel wurde zuletzt am Silvesterabend gesehen, in der Kneipe, wo sie mit einer Menge von Leuten das alte Jahr ausklingen liess. Es geraten den Kommissaren die üblichen Verdächtigen ins Visier. Etwa Viktor Kemper (Paulus Manker), der jähzornige Lebenspartner der Ermordeten, der sich wenig um ihren Verbleib kümmert, bis er von ihrem Tod erfährt (und die Kontrolle verliert). Oder ein Nachbar, Werner Krabonke (Rainer Bock), der unscheinbarer nicht sein könnte, ein erprobter Kneipier auch er, dessen ganzer Stolz seine selbstgezimmerte Wohnzimmerbar in der trauten Wohnung ist. Oder Pater Markus (Florian Lukas), der die Tote ebenfalls kannte und mit ihr trank am Abend ihres Todes. Pater Markus weiss mehr, als er auszusagen bereit ist. Mit seinem Schweigen, das nicht einzuordnen ist, befolgt er eine höhere Logik – ist es das Schweigen des Mörders? Falls nicht, worauf gründet sein Schweigen sich dann? Ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt: Sowohl die Polizei als auch der Lebenspartner der Toten beginnen sich für den Pater zu interessieren.

Stringenter Film mit wenigen Aufheiterungen

Der Frankfurter Tatort macht uns den Abschied von Conny Mey schwer. Dass man diese starke Kommissarin bald wieder vergessen muss, kann man angesichts von “Im Namen des Vaters” kaum glauben. Endlich wird Mey nicht mehr auf die Sexbombe reduziert, die in engen Hosen oder Höschen den langen, langen Gang im Präsidium langgehen ‘darf’ und Verdächtige verführt. Auch Steier wird immer greifbarer als mit Leben und Job hadernder Alkoholiker. Ein paar Szenen mit dem tobenden Lebenspartner der Toten, einem halbschlauen Knacki, sind zwar etwas gar komödiantisch gespielt. Das ist aber nur konsequent, wenn man sieht, zu was für einem teuflischen Plan er sich in seiner Wut hinreissen lässt. Er sorgt aber auch für die einzige Aufheiterung dieses düsteren Films. Er macht sich widersprechende Aussagen zu seiner letzten Begegnung mit der Toten. Diese Aussagen werden dann als kleine, eingelagerte Filmchen-im-Film ausagiert, die ebenso schön und stimmig wie tragisch-komisch sind.

Spärlich inszenierte Zwangsläufigkeit

“Im Namen des Vaters” ist ein Tatort der Reduktion auf das Wesentliche, ist eine Absage an den Klimbim und das Traritrara von thematischer Überfrachtung, an den Haaren herbeigezogenen Fällen und verspintisierten Auflösungen, an die man sich in so vielen anderen Tatorten längst gewöhnen musste. Auch die Parallelmontagen, die mehrere Szenen auf einmal zeigen, sind kein Effekt als Selbstzweck, sondern bringen den Film rassig, aber nicht hektisch oder publikumsgeschmacksanbiedernd, voran.
Alleine die wenigen Szenen zu Beginn des Filmes, in denen der besorgte Sohn auf die Rückkehr seiner Mutter wartet, ragen an spärlich inszenierter Eindringlichkeit und Zwangsläufigkeit weit über das Mittelmass heraus.

Quo vadis, Tatort Frankfurt?

Es ist ein Jammer, dass Nina Kunzendorf den Frankfurter Tatort nach so wenigen, fast durchs Band brillanten Ausgaben verlässt. Andererseits tut sie es zum rechten Zeitpunkt: Muss man doch aufhören, so lange es am schönsten ist. Gross besser als “Im Namen des Vaters” kann man einen Tatort nicht machen. Irgendwann dürfte selbst ein Axel Petermann, der Kriminalist, Profiler und Autor, auf dessen Buch auch dieser Tatort beruht, keine neuen Fälle mehr in petto halten. Den dann zwangsläufig anschliessenden Absturz des neuen Frankfurters von seiner enormen Fallhöhe in das sendeverbundsweit bekannte Mittelmass kann man sich mit Fug und Recht ersparen wollen.

Was von “Im Namen des Vaters” bleibt

Ein Tatort kann auch ohne Empörung und moralische Hyperventilation ein differenziertes Bild eines Tatverdächtigen zeichnen, der zufällig Pater ist. Bleibt ein Tatort nur einem Thema und nur wenigen Figuren treu, bekommt die abgekaute Wendung vom “Weniger ist mehr” eine kaum auszuhaltende Dringlichkeit.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 6.

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