Kommentatort 59: Tatort “Scheinwelten”

Der neue Kölner Tatort “Scheinwelten” hat alles, was es für einen spannenden Krimi braucht: Spielschulden, eine Enterbung samt kaltblütiger Erbschleicherin und einen kompromittierten Staatsanwalt. Trotzdem nervt der Film, weil noch so viel anderes reingewurstelt wurde.

scheinwelten-120~_v-varl
Der alte Mann und die Kunst des Enterbens: Wie weit geht der alte Broich, um den jungen Broich, einen pokersüchtigen Katzenfreak, leer ausgehen zu lassen? Was weiss er genau von den Mauscheleien seiner Anwältin? Auf die lässt er nichts kommen. Die Kommissare Schenk und Ballauf haben so ihre liebe Mühe, den alten Mann zu verstehen, der den Tod einer Katze mehr zu betrauern scheint als den Tod seines eigenen Sohnes. Erst als herauskommt, dass seine Anwältin seine Unterschrift fälschte, um eine Villa zu kaufen, gehen ihm die Augen auf. Vielleicht hat ja sein Sohn einmal im Leben etwas zustande gebracht – nämlich herausgefunden, dass er ausgenommen wird wie eine Gans. Musste der junge Broich etwas deswegen sterben?

Ingo Broich ist der Erbe eines Reinigungsfirmenbesitzers. Er wird erstochen in seiner Villa gefunden. Ingo Broich frönte dem Pokern. Schon so viel Geld des Vaters hat er verzockt, dass dieser ihn mit der Hilfe der attraktiven Anwältin Beate von Prinz enterben will. Von Prinz ist die Frau von Staatsanwalt Wolfgang von Prinz, dem obersten Chef der Kölner Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf. Das Verhältnis zwischen dem alten und dem toten Broich war von Spannungen geprägt. Nach seinem Schlaganfall fühlt der Alte sich vom Jungen im Stich gelassen, da dieser, nebst der Fütterung von Katzen, zu nichts taugt. Hat da etwa einer Hand an den Sohn angelegt, aus Wut, Enttäuschung, oder, um Mauscheleien mit der Anwältin unterm Teppich zu halten? War es die Anwältin? Die entscheidende Frage ist: Was wusste der alte Broich von den Bestrebungen der Anwältin? Schmeisst er lieber ihr sein Vermögen hin, anstatt den Filius erben zu lassen? Weitere Verdächtige: ein Pokerkumpel, eine Putzhilfe sowie eine facility-managerin, die vom toten Broich erpresst wurde. Das ist ein Reigen von Verdächtigen, findet aber dennoch zu einem ordentlichen Tatort zusammen – bis die Anwältin verhaftet und verhört wird.

Die illegalen Beweise mal wieder

Von da an übernimmt sich der Film. Zu schnell ist klar, die Anwältin kann es nicht gewesen sein – nicht, dass sich an ihrer Interessen- und Motivlage etwas geändert hätte. Aber es sind bereits an die siebzig Minuten Sendezeit um, und angesichts des gemächlichen Tempos der Ermittlungen ist es unwahrscheinlich, dass Schenk und Ballauf von Prinz an diesem Abend noch überführen – zumindest, so lange sie mit gerichtstauglichen Beweisen operieren. Doch einmal mehr können sie nicht der sendeverbundweit grassierenden Seuche der illegalen DNS-Tests widerstehen. Nur mit einer heimlich erhobenen Genprobe kann man die Anwältin zum Verhör laden. Es ist nicht der einzige Rechtsbruch, wurden die Kommissare doch vom Mann der Verdächtigen höchstselbst zu einer richterlich nicht erlaubten Suchaktion in deren Geschäftsunterlagen überredet. Dass die Kommissare dabei betretene Gesichter machen, versteht sich von selbst, ebenso wie der rasche Auftritt der Anwältin, die die Schnüffler inflagranti erwischt.

Dick und Doof versus Superhirn

Der Kölner Tatort ist ein Tatort der anbiedernden Nähe und Stallwärme, was sich in WG-ähnlichen Zuständen im Kommissariat, in rauschenden Saufgelagen samt gemeinsamen Zähneputzen oder eben, wie im Tatort “Scheinwelten”, in Kumpeleien mit dem Staatsanwalt äussert. Die Kommissare stehen wie eine Eins hinter ihrem Vorgesetzten, und zusammen gehen sie durch dick und dünn – was sich in dieser Folge leider auf Dick (von Prinz) und Doof (Schenk und Ballauf) reduziert. Gegen das Superhirn Beate von Prinz haben sie schlechte Karten. Sie hat einiges zu verbergen – aber Mord? Mittlerweile sind gegen achtzig Minuten den Rhein runter, und man weiss immer noch nicht, wer der Mörder war und was das Motiv. Also grasen die Kommissare noch einmal alle Verdächtigen ab – vielleicht doch der Pokerkumpel? Hat er nicht mit seinen Scheinhochzeitsgeschäften ein Motiv? Was folgt, ist eine beherzte Demontage der spannenden Ausgangslage. Anstatt darauf zu fokussieren, wie die Kommissare die Betrügerin mit legalen Beweisen überführen könnten, wird munter Ballast aufgetürmt: Da taucht eine Polygamistin auf und eine Erpressung, zu der sich der Tote hinreissen liess.

Kriterienkataloge

Wie so oft hat man auch am Ende des neuen Kölner Tatorts “Scheinwelten” das Gefühl, ein Strauss von heiklen Themen (Enterbung! Erbschleicherei! Scheinhochzeiten!) sei mit der Stoppuhr auf die Figuren verteilt worden. Hier wird gespiegelt und gedoppelt, problematisiert und fallengelassen: Es gibt, so werden wir belehrt, einen ganzen Katalog von Kriterien zur Definition einer Scheinehe (Altersunterschied! keine gemeinsame Sprache! etc). Alle diese Kriterien werden pflichtschuldig brav am Knacki und seiner Holden, aber auch am Staatsanwalt und seiner Ollen, abgespult. Die vermeintliche Scheinehe des Knackis ist doch keine, dafür trifft dies auf das Verhältnis des Staatsanwalts und seiner Frau zu. Dann plötzlich kann beim Knacki alles wieder ganz anders sein – also doch eine gegen Bezahlung vermittelte Scheinehe? Wäre das ein Motiv, einen Mitwisser umzubringen?

Viele Gründe fürs Ungenügend

Am Ende kann sich der Kommentatort nicht entscheiden, was das nervigste am Tatort “Scheinwelten” war. Dass eine so vielversprechende Ausgangslage derart verhunzpipelt wurde? Die Schnittfolge am Ende, wo zwischen der Verhaftung des Mörders und seiner Einlieferung in den Knast hektisch hin- und hergewechselt wird? Die seifenopernhaften Szenen, in denen kurz vorm Abspann die einzelnen Stränge aufgelöst werden? Dass Staatsanwalt von Prinz brav “Platz!”, “Sitz!” und “Männchen!” macht, wenn seine Holde aus dem Knast kommt, kann man sich denken: Muss man es auch noch zeigen? Dass auf die letzte Einstellung an der Würstchenbude verzichtet wird, ist OK, bloss: muss der Film mit so doofen Sticheleien zwischen Schenk und Ballauf enden?

Was vom Tatort “Scheinwelten” bleibt

Am Anfang, als man die verweste Leiche findet, wird der Leichenschnibbler gefragt, wie er bei einem solchen Gestank arbeiten könne. Er erwidert, dass es gehe, wenn man den Brechreiz unter Kontrolle hat. Das trifft auch auf den Film als Ganzes zu: Zwar löst er keinen Brechreiz aus. Aber man müsste sich schon sehr an den ersten, positiven Eindrücken festklammern, damit das Ende nicht alles ruiniert.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.

 

Auch lesenswert: Die Rezension “Was Katzen sagen” auf www.stadtneurotiker.org

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein und getaggt als , , , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

One Response to Kommentatort 59: Tatort “Scheinwelten”

  1. Pingback: Was Katzen sagen « Ansichten aus dem Millionendorf

Kommentar verfassen