Tatort “Melinda” – Wiewardertatort.de für Kommentatort.ch

Der neue Saarbrückner Tatort-Kommissar, Hauptkommissar Stellbrink, zeigt in der ersten Folge „Melinda“, wie er gewickelt ist. Carte Blanche von Lars-Christian Daniels von www.wiewardertatort.de.

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Was wünscht man sich mehr? Klobürsten, Fackeln, Staubwedel, Eimer, Pflanzen, noch mehr Töpfe und Taschen, Dichtungen, Lumpen, Kleiderständer, ein Kopfhörer und ein antikisierender Motorradhelm: Der neue Saarbrückner Tatort “Melinda” macht einen auf Gemischtwarenladen. Die Kollegen vom Verkehrsdezernat werden nicht erfreut sein, wie der da rumfährt. Was hier im Bild noch nicht einmal ganz zu sehen ist, ist die thailändische Wickelhose, die dem neuen, etwas gar betont skurillen Kommissar um die Knie schlackert. Wenn man bei so viel Klamauk und Ironie mal nur nicht das Kerngeschäft des Tatorts vergisst: Welches da wäre, nebst der Huldigung von Regieeinfällen und der Königin Quote, ein ordentlicher Kriminalfall.

 

Wie viel Klamauk verkraftet der Tatort? Spätestens seit dem 25. November 2012 und der von den Zuschauern auf breiter Front abgelehnten Katastrophenfolge „Das Wunder von Wolbeck“ galt diese Frage eigentlich als beantwortet. Doch nun wagen die Kollegen aus Saarbrücken mit einem neuen, clownesken Kommissar, reichlich Zoten und seichter Krimi-Unterhaltung den nächsten Frontalangriff auf die Lachmuskeln – und scheitern dabei kolossal.

Das passende Schuhwerk

Vieles hatte der Zuschauer den Kult-Ermittlern Thiel und Boerne, die die Einschaltquoten der Krimireihe seit Jahren nach Belieben dominieren, zugestanden, doch eine Ziege auf dem Boerneschen Beifahrersitz war selbst grossen Teilen der eingefleischten Münster-Fans des Guten zu viel. Ungeachtet dessen legt das Saarland in Sachen Klamauk nun kräftig nach und schickt mit dem Deutschen Filmpreis-Gewinner Devid Striesow einen etablierten Schauspieler ins Rennen, der der TV Spielfilm im Vorfeld der „Melinda“-Erstausstrahlung zu Protokoll gab, dass man „keinen Anspruch auf Realimus“ erhebe – wohlwissend, dass Outfit und Arbeitsmethoden seines Ermittlers mit dem Berufsalltag eines deutschen Durchschnittskommissars soviel gemeinsam haben wie dessen Shorts und Gummistiefel mit stilsicherem Auftreten. Auch Tatort-Kollege Boerne sorgte einst mit dieser Art Schuhwerk für Aufsehen – im Münsteraner Tatort „Spargelzeit“, der aber um Längen witziger ausfiel als das eigenwillige Stellbrink-Debüt.

Witzfigur in Wickelhose

Regisseur Hannu Salonen, der mit „Verschleppt“ den spannendsten Tatort des Jahres 2012 inszenierte, steht diesmal vor einer echten Herkulesaufgabe und löst diese wenig zufriedenstellend. Neben der Kriminalhandlung um die Stellbrinksche Flucht mit der kleinen Melinda (Mila Böhning), die den tatorttypischen Auftaktmord ersetzt, muss er vor allem seinen skurrilen Hauptkommissar beim Publikum einführen und lässt ihn mit antikem Motorradhelm und thailändischer Wickelhose Saarbrücken unsicher machen. Stellbrink sieht dabei irgendwie immer aus, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen, während der perfekt gestylte, im schwarzen Tank-Top ermittelnde Lara Croft-Verschnitt Lisa Marx (Elisabeth Brück) sich vor allem in Streitgesprächen mit der pflichtbewussten, schon bald nervenden Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach) aufreibt. Während Stellbrink zu seichtem Gedudel gestandene Kindesentführer vertrimmt und dabei wie Terence Hill zu besten „Vier Fäuste für ein Halleluja“-Zeiten wirkt, teilt Marx auf der Kampfsportmatte schmerzhafte Tritte aus und zeigt auf der Schiessanlage, dass sie aus einem anderen Holz geschnitzt ist.

Identifikation: keine

Eine klare Linie lassen Salonen und das Drehbuchautoren-Gespann um Dirk Kämper und Lars Montag ebenso vermissen wie das Gespür fürs passende Timing: Das Versteckspiel in der Gulliver-Welt im Saarbrücker Deutsch-Französischen Garten, die im Oktober 2012 ihre Pforten für immer schloss, kommt beispielsweise zu früh, weil es dem Zuschauer nach zwanzig Minuten noch an der zwingend notwendigen Identifikationsfigur fehlt und echte Spannung auch durch das gemütliche Vorabend-Feeling im Keim erstickt wird. Immer noch rätselnd, was die Knalltüte in Shorts und Gummistiefeln eigentlich bei der Polizei und vor allem im Tatort verloren hat, wird das Publikum zum Bangen mit einem Ermittler verdonnert, der im Baumarkt Klobürsten an die Kasse schmuggelt, in Yoga-Pose in seinem Unterbewusstsein herumstöbert und Minuten damit verbringt, seinen Schreibtisch zurechtzurücken. Der Versuch, mit dem rollerfahrenden Blondschopf einen „Ermittler der anderen Sorte“ in der mit fünf neuen Ermittlerteams ohnehin schon überladenen Tatortlandschaft zu etablieren, scheitert aber auch, weil Stellbrink vor allem eines ist: nicht witzig.

Gestatten: Müller, Margot Müller

Einzig die Diskussion der Krimitheorien mit der engagierten Margot Müller (Silvia Bervingas) fällt zumindest halbwegs amüsant aus, was aber weniger an Stellbrink liegt, sondern vielmehr an der scheidungswilligen Rentnerin, die dem von den eigenen Kollegen und den über Leichen gehenden Diplomaten gejagten Kommissar und der kleinen Melinda (Mila Böhning) vorübergehend Unterschlupf gewährt. Immerhin: Anders als „Das Wunder von Wolbeck“ kommt „Melinda“ zumindest ohne Fäkalhumor aus, wenngleich Stellbrink bei seinem ersten Einsatz in der saarländischen Landeshauptstadt prompt einem Tatverdächtigen auf die teuren Lederschuhe kotzt. Dennoch scheitert das mutige Experiment, neben Thiel und Boerne einen weiteren Klamauk-Tatort im öffentlich-rechtlichen Sonntagabendkosmos zu installieren, schon nach der ersten Folge – man darf gespannt sein, wie es mit dem Saarland nach dieser Bruchlandung weitergeht.

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