Kommentatort 67: Tatort “Schwarzer Afghane”

Der Leipziger Tatort “Schwarzer Afghane” macht auf Drogenschmuggel und Terrorismus. Kommissarin Saalfeld stemmt die Arme in die Hüften, während Kollege Kepler eine Dusche braucht.

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Hände in die Hüften, Ellenbogen raus, Lippen geschnürt. Auf dieser Wiese in Leipzig verbrannte ein junger Afghane in einem Feuer aus weissem Phosphor zum Aschehäufchen. Zwei zufällig anwesende Kiffer machen sich zu Unrecht Vorwürfe. Sie trifft keine Schuld, denn was wie spontane Selbstverbrennung aussah, war ein heimtückischer Mord. Weil es nun aber im Tatort gar keine Zufälle gibt, ist es klar, dass der “Schwarze Afghane”, mit dem sich die beiden Zeugen bedröhnten, mit der Sache zu tun hat. – Die Ermittlungen laufen übrigens nach dem “Arschkarte”-Prinzip. Während die Beamten im Hintergrund plaudern oder die Hände am Gürtel halten, Saalfeld Schnuten zieht und Kepler seine Stimmung in seinem Gesicht nachzeichnet, ist es allein der KTU-Kollege im Vordergrund, der die ganze Arbeit macht!

Direkt von der Flughafen-Zollkontrolle, wo ihm ein gelangweilter Grenzer den Koffer filzt und nicht wieder hergeben will, wird Hauptkommissar Andreas Keppler von Ex-Frau und Kollegin Eva Saalfeld in die sonntägliche Primetime, an einen Tatort, gerufen. Auf einer Wiese wurde ein zu Asche verbrannter junger Afghane gefunden, ein Student, der an der Uni Leipzig studierte.

Was ein Zufall!

Ganz in der Nähe des Tatorts brannte in etwa zur gleichen Zeit, was ein Zufall, eine Lagerhalle eines Afghanischen Freundschaftsvereins ab. Weil es aber am Sonntagabend nach acht Uhr im Öffentlich-Rechtlichen keinen Zufall gibt, geben kann, geben darf, weiten die Kommissare ihre auf allerlei vorschnelle Mutmassungen reduzierten Ermittlungen aus. Was ein Zufall, dass in der Asche der Lagerhalle Überreste von sechs Tonnen allerbesten schwarzen Afghanen gefunden wurde. Der nächste Zufall führt zur benachbarten Spedition Müller. Die macht in Luftfracht und ist, was ein Zufall, spezialisiert auf Lieferungen von und nach, man ahnt es: Afghanistan. Darüber hinaus arbeitete der Tote, was ein Zufall, bei eben dieser Spedition, wurde aber kurz zuvor entlassen. Und, was ein Zufall, auch mit der Tochter des Hauses Müller pflegte der Tote Kontakt. Gemeinsam schmuggelten sie deren afghanischen Freund Deniz Ghubar nach Deutschland. Von Deniz ist nirgends eine Spur zu finden.

Finstere Nebenrolle mit leichtem Akzent

Der Tatort “Schwarzer Afghane” führt nach dem Actionspektakel von letzter Woche vor Augen, was der Tatort, allen Unkenrufen und quotenrettenden Heilsversprechen zum Trotz, immer noch ist. Ein Kriminalfilm mit erkennbarer Ermittlungshandlung, mit wilden Spekulationen, in die Hüften gestemmten Armen und zur Schau gestellten Brusthaaren. Gerne darf es ein gesellschaftlich virulentes Thema sein, beispielsweise Terrorismus, Drogenschmuggel und undurchschaubare staatliche Instanzen. In diesem Bereich brilliert der Tatort “Schwarzer Afghane”. Die Nebenrolle des finsteren Geheimdienstlers ist mit Anatol Taubman sehr gut besetzt. Er gibt einen Bösewicht, dem man die Zugehörigkeit zu den “Guten” bis zuletzt nicht glaubt. Allerdings hätte man ihm die Dummheit, mit der er am Ende ins Messer rennt, nicht gegeben – nach dem zuvor Gezeigten, so viel Kaltblütigkeit und Ambivalenz. Aber irgendwie musste er ja weg, um Kepler und Saalfeld nicht zu sehr unter Zugzwang zu setzen.

Viel Routine

Wie jeder Leipziger Tatort hat auch “Schwarzer Afghane” einschläfernde Längen. Bis zur Unkenntlichkeit ausgespielt wird der ‘running gag’ mit dem KTU’ler, der die technische Ermittlungsarbeit machen muss, der aber mit seinen Einsichten immer einen Tick zu spät kommt: Dann erst nämlich, wenn die Kommissare längst im Zuge ihrer stoisch abgelieferten Ermittlungen den einen und anderen Zeugen befragt haben und so an die selben Informationen gelangen, wie der Weisskittel im Labor. Dass in Leipzig sechs Tonnen “Schwarzer Afghane” einen Marktwert von lausigen sieben Millionen Euro haben soll, lässt den Kommentatort in schummerigen Erinnerungen schwelgen und indigniert zum Zählrahmen greifen: Möglich, dass, was ein Zufall, die Preise zeitlich als auch örtlich variieren.

Holzhammer, mit Handschuhen über Rübe gezogen

Die Thematik der Kollateralschäden, die von den ISAF-Truppen in Afghanistan verursacht werden, wird, wie es sendeverbundsweit zu den am besten gehegten Tatorthodoxien gehört, mit Samthandschuhen angefasst. Man kann den Holzhammer aber noch so lange mit den Glacéhandschuhen anfassen, über die Rübe gezogen, erschliesst sich einem deshalb noch lange kein Unterschied. Es kommt also zu den üblichen Belehrungen. Eine hübsche Uni-Dozentin doziert den Kommissarinnen zum Thema “Vorurteil”, Kepler darf sich über die unreligiöse Natur eines afghanischen Kommunisten wundern, die afghanischen Arbeiter der Spedition Müller sieht man fast nur betend und für den Satz: “Davon werden ihre Toten auch nicht wieder lebendig” findet sich eigentlich auch in den meisten Tatorten ein Plätzchen im Drehbuch.

Was vom Tatort “Schwarzer Afghane” bleibt

Die Hände in die Hüften stemmen und Brusthaare zeigen machen noch keine erkennbare Ermittlung. Die KTU ist immer langsamer als die klinkenputzenden Hauptkommissare. Trotzdem ein passabler Tatort, besonders, wenn man ihn am hiesigen Blech-Standard misst. Problemzonen-Tatorte müssen nicht nach hinten losgehen.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.

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