Kommentatort 69: Tatort “Macht und Ohnmacht”

Im neuen Münchner Tatort “Macht und Ohnmacht” treffen wir zwei alte Bekannte wieder. Einer heisst Carlo Menzinger, der andere “Polizeigewalt”.

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Ohne Vorankündigung trudelt der geschätzte Ex-Kollege Carlo Menzinger (Mitte) bei den Münchner Kommissaren Batic (links) und Leitmayr (wo wohl?) auf. Was Carlo Menzinger zur Hochzeitsvorbereitung und zum Wiedersehen mit Freunden nutzen wollte, entwickelt sich zur handfesten bis handgreiflichen Ermittlung. Schliesslich machen sich Polizisten, die gegen Polizisten ermitteln, unbeliebt. Seinen fabulösen Riecher für Ermittlungen hat Carlo Menzinger noch immer. Schneller, als es ihm bewusst wird, begibt er sich bei seinen selbstständigen Ermittlungen in allerhöchste Gefahr und bekommt eine Weinflasche über den Kopf gezogen.

Die vier sind eine verschworene Truppe: Die Polizisten Matteo Lechner, Frank Bressinger, Georg Zimmermann und Iris Bülow leben und brennen für ihren Beruf. Gemeinsam jagen sie drei junge Männer, die einen Kioskbesitzer halb totgehauen haben. Sie erwischen die Täter, nach einer rasenten Verfolgungsjagd zu Fuss, die – tatortuntypisch! –, enorm spannend ist. Bevor die Handschellen klicken, polieren die Beamten den Festgenommenen die Fresse: Polizeigewalt, einmal mehr. Für ihre unzimperliche Festnahme bejubeln sich die Polizisten bei einem gemeinsamen Dusch-Ritual. So viel Nacktheit gibts im Tatort selten; nur mit einem Frottiertuch gewandet ist noch kaum einer zu seinem Vorgesetzten bestellt worden, um sich – Vorsicht, Wortspiel! – den Kopf waschen zu lassen. Das Verdikt ist klar: Festnahme tipptopp, nur leider keine Beweise. Man muss die Verhafteten laufen lassen. Kurz darauf erschiesst sich der junge, von der Festnahme angewiderte Kollege, vor versammelter Truppe, im Umkleideraum.

Kommt ein Münchner nach München

Es taucht der zweite gute alte Münchner Bekannte, Carlo Menzinger, bei Matteo Lechner, dem Alphatier der unzimperlichen Polizisten, auf. Carlos hat mit seinen Millionen in Thailand Millionen gemacht. Er kommt nach München, weil er seinen Freund Lechner als Trauzeuge für seine Hochzeit will. Carlo muss feststellen, dass mehr als nur ein paar Tausend Kilometer zwischen den beiden liegen: Sein ehemaliger Mentor Lechner ist zerfressen von Sorgen. Der Grund für diese Verdüsterung liegt auf der Hand: Der Suizid des Kollegen, und dann muss man auch noch die Kiosk-Schläger freilassen! Auch bei Batic und Leitmayr löst Carlo Menzingers Auftauchen Wiedersehensfreude, keineswegs aber Enthusiasmus, aus. Dafür sind sie zu absorbiert vom Mord an einem Jugendlichen: Der wurde mit einem Hammer erschlagen. Eine Spur führt zu Matteo Lechner – er hatte dem Toten eine Lehrstelle verschafft.

Interne und externe Ermittlungen

Auf die internen Untersuchungen von Batic und Leitmayr reagieren die Streifenpolizisten gallig, das Stichwort “Verrat” liegt in der Luft. Den Kommissaren ist nicht wohl bei ihren Ermittlungen. Die Wiederbegegnung mit Menzinger bereitet Batic und Leitmayr zwar Freude, doch entgeht es ihnen nicht, dass nichts mehr so ist wie früher, als Menzinger noch Teil ihres Teams war. Sogar als privatisierender Hotellier in Thailand, ohne Befugnis oder Komepetenz als Amtsperson, ist Carlo unverzichtbar für die Ermittlungen. Er beweist seinen guten Riecher, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, als externer Ermittler. Schneller und näher, als es ihm lieb sein kann, kommt er dem Täter auf die Spur.

Mittelmass nach vielversprechendem Anfang

Der Tatort “Macht und Ohnmacht” beginnt vielversprchend. Leider drosselt er deutlich an Fahrt: Längen schleichen sich ein, etwa im Nachgang zum Selbstmord des jungen Polizisten, wo arg auf die “Wir saufen uns den Kummer weg und trinken auf dich, lieber Kollege, dessen Suizid uns so viel Kummer bereitet”-Tube gedrückt wird. Seine starken Augenblicke hat der Tatort “Macht und Ohnmacht” dort, wo mit kargen Mitteln häusliche Gewalt, wo Hilflosigkeit, Einsamkeit, Verzweiflung thematisiert wird. Die Thematik der sich über alle Gesetze hinwegsetzenden Polizisten wird einigermassen gelungen in Szene gesetzt, jedoch häufen sich die Verstösse so sehr, dass man sich schon fragt, was für eine Zone das Millionendorf München ist, dass da niemand etwas gegen irrlaufende Beamte und Dirty Harrys unternimmt oder unternehmen kann.

Was vom Tatort “Macht und Ohnmacht” bleibt

Die Münchner sind die Macht im Tatortland. An Batic und Leitmayr kommt an guten Tagen keiner, an mittelmässigen kaum einer vorbei. Mit dem Thema Polizeigewalt nimmt der Tatort “Macht und Ohnmacht” ein Münchner Kernanliegen auf. Mehr als jedes andere Team muss man es sich in München gefallen lassen, am Nonplusultra in Sachen Polizeigewalt-Tatort gemessen zu werden, am Tatort “Nie wieder frei sein”. Dieser Vergleich tut auch dem Tatort “Macht und Ohnmacht” nicht gut.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.5.

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2 Responses to Kommentatort 69: Tatort “Macht und Ohnmacht”

  1. Bajuware sagt:

    Ich fand den auftritt vom carlo Toll, war zeit, nach langer pause!

  2. Pingback: Der Besuch aus Thailand und die Selbstjustiz « Ansichten aus dem Millionendorf

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