Kommentatort 73: Tatort “Feuerteufel”

Hamburg hat endlich wieder einen echten Tatort-Kommissar: Der Tatort “Feuerteufel” ist ein vielversprechender Einstieg in die Reihe.

In einem schicken Hamburger Stadtteil brennen die Karossen: Was schon als gesellschaftskritisches Brauchtum hingenommen wird, erfährt eines Nachts eine tragische Weiterung. Eine Frau, vollgepumpt mit Medikamenten, schläft in ihrem Wagen und erstickt, nachdem ein pubertierender Zeusler ihre Karre vor laufender Handy-Kamera abfackelte.

Neue Kollegen, spinnefeind …

Der neue Hamburger Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) nimmt seine Ermittlungen auf. Er bewegt sich auf vermintem Gelände. Mit einer Mordswut im Bauch marschieren die gutbetuchten Hamburger in ihren Strassen, wo sie nicht davor zurückschrecken, Schnapsleichen in den Tod zu jagen. Zur Verstärkung wird Kommissar Falke eine sehr hübsche Mitermittlerin an die Seitre gestellt, Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller). Das Problem: Sie ist keine Kripo-Ermittlerin, sondern spezialisiert auf Brandfälle. Wie man sich als regelmässiger Tatort-Gucker so zusammenreimt, verstehen sich die beiden am Anfang gar nicht, in der Mitte ein bisschen und am Ende ganz doll. Ihre erste Zusammenarbeit ist somit zwar ein bisschen gar tatorthodox ausgestaltet, überzeugt, starken schauspielerischen Leistungen sei Dank, aber nichtsdestotrotz.

Weniger Abmurks-Murks = mehr Krimi!

Die naheliegendsten Mordmethoden sind die besten: Feuer beispielsweise. Schon die ersten Bilder des neuen Hamburger Tatorts zeigen, was es im Tatortland alles nicht braucht: Es braucht kein SEK, keine Bombenexplosionen, keine Maschinengewehre oder Ersäufungen im Wohnzimmerbrunnen. Es braucht, entgegen den sendverbundweit Urständ feiernden Gepflogenheiten, überhaupt nicht mehr, sondern weniger. Ein Feuerzeug, ein brennendes Auto, ein gutes Ermittlerteam. Weil weniger Abmurks-Murks automatisch mehr Krimi ist.

Beste Unterhaltung

Erschütternd am Tatort “Feuerteufel” ist das Geständnis des Mörders: Wie da einer versucht, einen zu Unrecht Beschuldigten in die Pfanne zu hauen, um sich schliesslich zu verraten, hat es in sich. Wenn dann eine rückblickende Sequenz auch noch zeigt, was es mit dem Feuermord genau auf sich hatte, ist das im besten Sinn scheusslich, und unter die Haut geht es.

Altbekanntes, aufregend neu

Der Tatort “Feuerteufel” zeigt nach der Supi-Dupi-Mega-Wichtig-Superstar-Til-Schweiger-Orgie, dass Hamburg die Vorarbeit des unvergessenen Cenk Batu nicht einfach nur den Quoten zuliebe schreddert. Der Tatort “Feuerteufel” braucht nicht, wie andernorts kramphaft versucht, das Genre neu zu erfinden. Er sprengt die Reihe, indem die handelsüblichen Versatzstücke intelligent zusammengestellt werden: ein Mord, die Work-life-Balance, Kollegen-Zoff, nervige Vorgesetzte. All das sieht man selten so intelligent und sehenswert rekombiniert wie im Tatort “Feuerteufel”. Auch die puschelige Schlussviertelminute des Films, die den singulär starken TV-Film wohl herunterbrechen soll auf tatorthodoxe Reihen-Verhältnisse, geht in Ordnung.

Krimistrukturen und so!

Im Tatort “Feuerteufel” wird auf unaufgeregte, vielversprechende Art praktisch alles richtig gemacht. Spannung und Vorweggenommenheit, Rätsel und das Offensichtliche, Komik, Ernst und ein Schuss Erotik halten sich die Waage. Das Tatort-Land darf sich glücklich schätzen, dass Hamburg neben dem Charakterkomparsen auch auf richtige Schauspieler setzt. Das sollte der andere Hamburger (aber: nicht nur er!) bei Gelegenheit auch mal machen: Auf das anbiedernde Rumballern, Coca-Cola-für-die-nölende-Tochter-Heimbringen, Eier-Kochen und Eier-Kraulen-und-Eier-kraulen-Lassen verzichten und stattdessen auf erkennbare Krimistrukturen setzen, Ermittlung, Klinkenplutzen.

Davon gerne mehr

Kommissar Falke ist ein vielversprechender Kommissar. Unter den Neuzugängen der letzten Zeit sticht er heraus. Der Tatort “Feuerteufel” hat vieles, was man gerade an den etablierten Tatorten vermisst. Unaufgeregt ist dieser Tatort, spannend und komisch. Wie Falke beispielsweise versucht, eine Karre aufzubrechen, aber daran scheitert, während der Besitzer den Wagen lässig mit der Fernbedienung öffnet, ist Klasse. Der Mörder ist zwar recht früh klar, trotzdem bleibt es bis zuletzt spannend.

Was vom Tatort “Feuerteufel” bleibt

Monieren kann man, dass der Tatort “Feuerteufel” zu sehr auf dem neuen Kommissar ruht. Klar, er ist die Hauptfigur. Trotzdem hätte man seine Assistentin auch unter Rückgriff auf andere Elemente als Shortpants und atemberaubende Beine mehr in den Mittelpunkt rücken können. Was man am Ende der neunzig Minuten nicht glauben will: Dass der Tatort “Feuerteufel” der erste des neuen Ermittlers ist. Bei sonstigen Tatort-Premieren schlägt der Kommentatort, weil der Erste einer der Schwersten ist, eine halbe Note drauf. Der Tatort “Feuerteufel” aber ist so gut, dass er diesen “Krux-des-ersten-Tatort-Bonus” nicht braucht. Stattdessen kommt erstmals als Malus eine halbe Note in Abzug, damit sich das neue Hamburger Team gegen Oben noch steigern kann.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.5.

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5 Responses to Kommentatort 73: Tatort “Feuerteufel”

  1. Pingback: Kommentatort 74: Tatort "Borowski und der brennende Mann"

  2. Monica Krüger sagt:

    Wieder ein flottes Lesevergnügen, die Kritik. Inhaltlich teile ich nicht gar so viel.

    Etwas, was ich zum Beispiel nicht mehr sehen möchte, sind besessene Bullen, die zu Hause an Fällen arbeiten. Abgedroschen. Überhaupt will ich keine Polizisten mehr in ihren Privaträumen erleben.

    In aller Kürze auch zwei Anmerkungen zur Kritik-
    “Trotzdem hätte man seine Assistentin auch unter Rückgriff auf andere Elemente als Shortpants und atemberaubende Beine mehr in den Mittelpunkt rücken können.”

    Hat man leider. Hier kam doch wieder das vermeintlich Urweibliche zum Tragen. Dem besten Freund, dessen Abgang Falke mit so viel Bitterkeit begleitet, kann er nicht einmal erzählen, dass er seinen Sohn vermisst, dem Weibe schon. Zudem erweist sie sich als nützlich zum Verhören anderer Frauen. Weil die ja generell so gut miteinander können.^^

    “Erschütternd am Tatort “Feuerteufel” ist das Geständnis des Mörders”
    Stimmt – weil es unendlich widerwärtig kitschig war. Aber war ja Hamburg, wie beim Aalverkäufer auf dem Fischmarkt. “Unser Kind, ach komm, ich muss verrückt sein, ich lege noch einen drauf – unser behindertes Kind. Leck mich am Arsch – ich bin bekloppt, aber – es ist gestorben. Und dann habe ich meine Frau ermordet. Können Sie das verstehen?” Pass auf, Mördermann, wer heutzutage noch nicht kapiert hat, dass man sich als Angehöriger psychisch Kranker gerade in größeren Städten ganz gut Hilfe holen kann, hat aber selbst gehörig einen an der Waffel.

    Und auch sonst hat mich persönlich viel genervt – ganz netter Tatort, aber nichts zum Bejubeln.

    • admin sagt:

      Vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung, Monica Krüger!

      Sie müssen halt auch alle mit Wasser kochen, die Macher des neuen Hamburger Tatorts – weshalb dann auch unbedingt nicht Privatraum fehlen darf und nicht das Gestänker an der Kollegin. Das Problem liegt doch an der Serialität des Tatorts: Würd man einen Krimi machen, der einfach so nur für sich selbst steht, könnte man viel von diesen ‘Privateleien’ weglassen und noch mehr auf den Fall konzentrieren. So aber muss das Ganze halt schon auch von Film zu Film möglichst wiedererkennbar sein. Bei Batu wars ja ganz anders, ganz ohne Privatleben. Und worüber haben sich die meisten beklagt? Dass man die Figur nicht wiedererkenne von Folge zu Folge …

      In Sachen Aalverkäufer kann ich gar nicht einverstanden sein. Widerwärtig fand ich, wie der schleimige Modellbauer da beinahe bis ganz am Schluss es geschafft hat, den Jugendlichen zum Mörder zu stempeln. Wie er dann über die eigene Arroganz/sein Täterwissen stolperte, klasse! Die Rückblende beispielsweise auf seinen Mord fand ich erschütternd, echt gut, mit wenigen Handgriffen gemacht. Wenn man sich das Geständnis dann aber so vergnüglich kurz zusammenfasst wie Du, dann wird es schon teilweise ulkig und wirkt möglicherweise ein bisschen abgedroschen.

      Also ich bleibe bei meinem Jubel über einen der ganz starken ersten Tatorte – und frage mich noch immer, was es wohl mit dem vielen Milch-Trinken des neuen Kommissars auf sich haben mag?

      • Monica Krüger sagt:

        danke für eine solch lange Antwort. Das erste Argument (Serialität) – ja, okay, dem muss ich mich beugen.Nicht leicht für mich, aber geschenkt . :)

        Und juble nur weiter, es war ja durchaus kein ungelungener Einstieg.

        Theoretisch könnte ich noch viel mehr vom Leder ziehen, vor allem über die Altmännererotik, die für mich eher dumpf und – böses Wort – sexistisch ist. (Komischerweise mutiere ich – für mich selbst völlig unerwartet! – über der Reihe Tatort irgendwann noch zur Frauenbeauftragten ohne Mandat.)

        Will aber den Kommentatort nicht von den Mai-Feierlichkeiten abhalten.

        Bei all dem, was gerade so marlowemäßig in den Film hineingedeutet wird, könnte es sich bei der Milch doch um Paul Celans schwarze Milch der Frühe handeln. Oder doch irgendetwas anderes? Es bleibt doch wirklich spannend.

        • admin sagt:

          Frauenbeauftragte ohne Mandat? Das gibt aber an manch einem Sonntag so einiges zu tun!

          Celans schwarze Milch habe ich, so weit ich mich entsinne, im Regal rumstehen noch irgendwo. Lohnt sich denn der Rückgriff? Was er wohl zu diesem TO gemeint hätte.

          Fragen über Fragen; auch am ersten Mai.

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