Kommentatort 74: Tatort “Borowski und der brennende Mann”

Der neue Kieler Tatort “Borowski und der brennende Mann” bedient sich einer archaischen Abmurksmethode und deckt ein Geheimnis der Nachkriegszeit auf.

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So einfach ist der Frühling kompliziert. Mal bisschen Regen, dann wieder Sommerhitze, und zuletzt dann wieder Schnee. Der Tatort verlegt jedenfalls schon mal den Winter in den Frühling und verdoppelt so die meteorologische Bescherung.

Zwei Mordtrends stehen sich zurzeit im Tatortland gegenüber: “Mehr ist mehr” ist das Motto der einen, “Weniger ist mehr” jenes der anderen Sorte. Hier bis an die Zähne bewaffnete Mörder und Ermittler, die vor Rumnuscheln und Rumballern das Ermitteln vergessen. Auf der anderen Seite Fälle, die auf solche Eskalationsspiralen pfeifen und sich, sagen wir mal, mit einem in zusammenhängenden Sätzen denkenden Kommissar und einem Küchenmesser begnügen. Oder mit Feuer. Feuer zieht sich überhaupt wie ein flammend roter Faden durch die Tatort-Produktion der letzten Zeit. Erst neulich debütierte der neue Hamburger Gegen-Kommissar Falke mit einem sehenswerten Fall zum Thema Pyromanie und erloschenem Liebesfeuer.

Maienhafte Weihnachtsstimmung

Auch der neueste Kieler Tatort “Borowski und der brennende Mann” wartet mit einer hitzigen und doch minimalistischen Abmurksmethode auf. Das tut der neue Borowski mit einer jahreszeitlich unpassenden Ausgangslage: Vorweihnachtsstimmung an der Kieler Förde. Schnee liegt auf den Strassen und Schulkinder feiern Julklapp, einen skandinavischen Adventsbrauch. Wie man sich denken kann, ist die Besinnung von kurzer Halbwertszeit, platzt doch mitten in die Feier ein brennender Mann. Er erliegt an Ort und Stelle seinen Verbrennungen. Sein Mörder hat ihn mit Brennpaste eingerieben – das Opfer hatte keine Chance.

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Wer hat Angst vorm brennenden Mann? Eher selten mit lichterloh brennenden Männern zu tun haben dürfte dieses Grüppchen von Schülerinnen: Und das, obschon sie doch auch selbst mit offenem Feuer rumlaufen. Aber das ist das Brauchtum, der Rest aber Tatort.

Aufpasserin gegen Fettnäpfchen

Unter den Zeugen des hitzigen Mordes befindet sich Kommissar Borowskis Vorgesetzter, Kriminalrat Schladitz. Er besucht den vorweihnachtlichen Lucia-Fest-Umzug, weil er an diesem Ort seine Kindheit verbrachte. Der abgefackelte Tote, Michael Eckart, entpuppt sich als Schulleiter. Er gehört der dänischen Minderheit an. Wer greift zu einer so grausigen Mordmethode, welche Motivlage treibt einen Menschen dazu an? Nach und nach entdecken Brandt und Borowski ein Geheimnis aus der Nachkriegsgeschichte Schleswig-Holsteins. Damit Borowski und Brandt nicht von einem Fettnäfchen ins nächste tappen, bekommen sie eine örtliche Kommissarin an die Seite gestellt. Doch gegen die sich bald häufenden Morde sind auch sie wehrlos.

Was vom Tatort “Borowski und der brennende Mann” bleibt

Der Tatort “Borowski und der brennende Mann” ist kein übermässig spannender Film, aber kann mit einer ordentlichen Geschichte überzeugen. Auch die Auflösung liegt bis zum Ende nicht wirklich doll deutlich auf der Hand. Bis die Hintergründe der Morde klar sind, erlebt man neunzig unterhaltsame Minuten. Sarah Brandts Epilepsie ist endlich nicht mehr nur Beigemüse, sondern treibender Faktor der Handlung. Seine Autofahrt mit Kommissarin Brandt, die in einem aufs Dach geschleuderten Wagen endet, dürfte Schladitz nicht so schnell vergessen. Nach diesem Unfall hat Borowski ein Problem: Wem kann er noch vertrauen? Sarah Brandt setzt sich über seine Anweisungen hinweg und auch sein Boss Schladitz sagt nicht alles, was er weiss. Hat er etwas mit dem Fall zu tun? Warum weiht er Borowski nicht ein? Der Tatort “Borowski und der brennende Mann” macht einen nicht unbedingt Feuer und Flamme, aber kalt lässt er ebenso wenig.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.5.

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