Kommentatort 75: Tatort “Unvergessen”

Der neue Wiener Tatort “Unvergessen” zeigt, wie Moritz Eisner drauf ist. Ein Kopfschuss kann ihn nicht stoppen. Zum Glück hat er Bibi Fellner!

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Ei, was lässt sich der Eisnermoritz denn da durch den Kopf gehen? Während jeder normalsterbliche Arbeitnehmer einen Kopfschuss zum Anlass nehmen würde, um mal wieder einen Tag oder zwei blau zu machen, kommt das für einen Tatortkommissar im Jahr 2013, der etwas auf sich hält, nicht infrage. So darf man sich nicht wundern, wenn Moritz Eisner bald nach dem Kopfschuss wieder zur Arbeit geht, als ob es nur eine schwere Migräne gewesen wäre. Sehenswert trotz allem Spott!

Von Work-life-Balance haben alle Tatort-KommissarInnen keinen Schimmer. Da wachen Ermittler auf dem Fussboden des Kommissariats auf, gehen mit Fasnachtskleidern zur Arbeit, nerven die Familie beim Abendessen mit ihren Fällen, verwechseln Curry-Wurst-Mampfen mit Soko-Sitzungen, und selbst wenn sie mal ins Fussballstadion gehen, liegt nach ein paar Minuten eine Leiche im Strafraum. Trotzdem hat es das noch nicht gegeben, was der neue Österreicher Tatort “Unvergessen” aufs Publikum loslässt.

Gedächtnislücke im Kaliber 9mm

Man weiss nicht, was dieses Mal an Moritz Eisner so anders ist: Hat er abgenommen? Liegt es daran, dass er so wenig mit seiner Tochter streitet? Ist es die besorgte Schonung, mit der Eisner von seiner Ermittlungspartnerin Bibi Fellner als auch von seinem Boss bedacht wird? Was macht den Tatort “Unvergessen” so anders? Es ist ein klitzewinzigverschwindendkleines Löchelchen in der Schläfe Moritz Eisners. Das rührt von einem Kopfschuss, den der Bedauernswerte kassierte. Neu ist nicht, dass einem Ermittler übel mitgespielt wird. Tatortkommissare haben schon immer so manches wegstecken müssen. Das ist Tatorthodoxie. Das einer aber nach einem Kopfschuss gleich wieder arbeiten geht, gibt es selten. Es entpuppt sich als launiger Kommentar auf Eisners Dickschädel. Moritz Eisner leidet an dem, was die Pressemappe zum Tatort “Unvergessen” und Wikipedia “retrograde Amnesie” nennen. Er kann sich an nix mehr erinnern, was vor dem Kopfschuss war. Geht in Ordnung, sagt der Kommentatort – wer wär schon nicht vergesslich, mit einem Loch vom Kaliber 9mm im Kopf. Da sind Eisners Sprachstörungen und Aussetzer noch das Kleinste.

Zweiter Weltkrieg und Politfilz

Der Kopfschuss schadet dem Tatort “Unvergessen” nicht. Eine Freude, wie der Eisnermoritz sich durch einen Dschungel aus Liebesgeschichte, vermurkster Vergangenheitsbewältigung und Landleben hangelt. Die Zweit-Weltkriegs-Ebene, die als Folie dient und den versuchten als auch den geglückten Mord motivieren soll, wirkt zwar reichlich gesucht. Gut rüber kommt aber, wie sich die Herren Lokal-Granden so lange gegenseitig den Sack kraulen, bis ein riesiger Filz entsteht, aus dem sich manches Mäntelchen schneidern lässt, um so manche Sauerei zu bemänteln. Das Thema Filz und Korruption hat zur Sonntagabend-Primetime zwar längst ein Geschmäckchen, aber was solls. Versuchte Hinrichtung durch Kopfschuss reicht nun einmal als Handlungsmotor im Tatort à la 2013 nicht mehr aus. Besonders gelungen sind die vielen kleinen verspielten visuellen Effekte, die aus der Sichtweise Eisners zeigen, wie sich die Welt anfühlen mag mit einem Entlüftungsloch in der Schläfe.

Was vom Tatort “Unvergessen” bleibt

Der österreichische Tatort bleibt sich und seinem Hang zur kurligen Geschichte treu. Nach Actionfilm und Bombenattentat nun ein Kopfschuss. Schön, dass Eisner das bissel Gnaggweh so locker wegsteckt. Zum Glück hat er mit Fellner die zurzeit überzeugendste Tatort-Ermittlerin an seiner Seite. Da kann nix schiefgehen. Nur immer schön das Pflaster auf dem Kopfschuss lassen! Pfiati und baba.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.

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One Response to Kommentatort 75: Tatort “Unvergessen”

  1. Monica Krüger sagt:

    Es ist ja nicht so, dass ich dringend was zum Meckern suche, bis kurz vor Schluss gefiel mir der Tatort ausnehmend gut. Und dank der Kritik durfte ich heute das schöne Wort kurlig in meinem Wortschatz begrüßen.
    Fein auch, dass der Verdacht “Zwangsprostitution und slowenische Schlepperbanden” einfach in einem Nebensatz ausgeräumt wurde. Juchhu!

    Also alles schön?
    Gestört hat mich dieses doofe Leitmotiv “vergessen”. Die Gedächtnisaussetzer beim Polizisten, das Vergessenwollen der Vergangenheit, der alte Täter, der nach zwei Minuten vergisst, mit wem er gesprochen hat und schließlich noch der Mann, der gegen Alzheimer, also das Vergessen ankämpft. Über all dem geriet meiner Meinung nach der Fall des Massakers ins, nun ja – Vergessen. Alles etwas zu dick aufgetragen.

    Und leider wurde die Aufklärung des Massakers auch noch überschattet durch den jüngeren Täter, der 36 Menschen zu Tode getestet hat. Dankenswerterweise nicht im schönen Kärnten und auch nicht beim Nachbarn, sondern ganz weit weg – in Georgien, wo so was offensichtlich gang und gäbe ist. Wer mal zur Sowjetunion gehörte, macht sicher auch so was.

    Und richtig abscheulich fand ich die Botschaft, dass, wo Hakenkreuze geschmiert werden, es nicht immer die Faschisten waren. Ein schönes Signal auch an die Anwälte im “NSU”-Prozess, die können doch fix mal Anträge stellen, dass überprüft wird, ob nicht eventuell jemand als Nazitrittbrettfahrer versucht hat, ein anderes Verbrechen zu vertuschen. Am besten jemand mit Verbindungen ins Ausland.

    Hätte ich den Film essen müssen, würde ich sagen – ein interessantes Gericht, aber irgendwie überwürzt und etwas zu lang gekocht.

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