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Kommentatort 72: Tatort “Trautes Heim”

Der neue Kölner Tatort “Trautes Heim” operiert ohne billige Empörung in den Grenzgebieten des bürgerlichen Familienlebens.

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So temperiert kann ein Wutanfall sein: Die beiden Kölner Kommissare Ballauf (l., der mit dem Wenn-das-nur-gutgeht-Blick) und Schenk (r., der mit dem Na-Bürschchen-dir-zeig-ich-es-jetzt-aber-Blick) haben wenig Probleme, den Verdächtigen Kai Grabow (m., der mit dem Junioren-Fussballtrainer-Blick) zurückzuhalten. Er hat soeben von einem faustdicken Doppelleben erfahren und will dem Schuldigen an die Gurgel. Ganz wird man dabei den Eindruck nicht los, dass er in erster Linie eine Erfordernis des Drehbuchs abarbeitet.

Luca wird entführt. Ein Maskierter zerrt den Jungen in einen Lieferwagen. Ein Motorradfahrer beobachtet die Szene und folgt dem Lieferwagen. Als die Entführer ihn bemerken, fahren sie ihn zu Tode. Luca kommt aus einer unscheinbaren Familie, die Mutter Hausfrau, der Vater irgendetwas mit EDV: Wer entführt ein Kind aus einer Familie, in der es nichts zu holen gibt? Der Verdacht eines Sexualstraftäters hängt in der Luft. Als die Polizei den Lieferwagen findet, mit dem Luca entführt wurde, kommt ein Rätsel hinzu: Das Handy des Jungen lief nicht auf den Namen der Familie von Luca. Nach und nach blicken Schenk und Ballauf hinter bürgerliche Kulissen.

Weniger Moralin, mehr ‘Ablenkungsverdächtige’

Der Tatort “Trautes Heim” ist einer der besseren Kölner Tatorte (wenn man von der Köln-Leipzig-Kooperation absieht). Er ist das, weil er den sonst stets unbedacht gehissten Kölner Moralzeigefinger stecken lässt. Zwar bleibt man beim Zuschauen auch in diesem Fall nicht ganz von Moralin verschont, jedoch erfolgen diese Aussonderungen erst, nachdem eins der grossen Rätsel des Films gelöst ist, und auch dann nur in homöopathischer Dosierung. Die Rolle des Doppelvaters ist gut gespielt und bewahrt den Fall vor heisslauenden Empörungsspiralen. Zwar ist der Fall klar, nachdem das doppelte Spiel des Familienvaters aufgeflogen ist. Trotzdem bleibt es spannend, zu sehen, wie die Komissare das Offensichtliche beweisen. Jedoch muss man sagen, dass auch die ‘Ablenkungsverdächtigen’, die von dem Tatort “Trautes Heim” eingeführt werden, es in sich haben. Wer, wenn nicht Mitarbeiter einer “Doppellebenagentur”, die darauf spezialisiert ist, verheirateten Familienvätern ein reibungsloses Mehrfachleben zu organisieren, könnte über die Informationen verfügen, die es für eine solche Entführung braucht?

Abschiedsvorbereitungen

Stark sind die meisten Schauspieler in diesem düsteren, undurchschaubaren Fall. Eindrücklich spielt die Mutter des Entführten. Aber auch ihr Mann mit seinem Leben à la Kachelmann spielt seine Rolle überzeugend. Daneben bereitet der Kölner Tatort den Abgang von Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt) vor. So bekommt sie auch dieses Mal einen ordentlichen Anteil Sendezeit. Wieder einmal verabredet sie sich voller Vorfreude auf ein Rendezvous, um am nächsten Tag umso niedergeschlagener und unansprechbarer im Büro zu sitzen. Dafür kann sie sich von den Bürohengsten Ballauf und Schenk bemuttern lassen, worin seit längerer Zeit eine weitere Kölner Spezialdisziplin besteht.

Lästiger Schnitzer zum Schluss

Ein klassischer, sendeverbundweit zur Plage gewordener Schnitzer unterläuft leider auch dem Tatort “Trautes Heim”. Da wird ein saustarkes zweitletztes Bild durch ein überflüssiges letztes Bild verheizt. Solche Bilder dienen dazu, den Rahmen zu schliessen und den Zuschauer mit einer gefälligen Stimmung in den Sontagabend zu entlassen. In Köln ist das (von Ausnahmen abgesehen) jeweils die letzte Szene an der Currywurstbude mit der freien Sicht auf den Kölner Dom. So auch dieses Mal: Eine von ihrem erfolglosen Rendezvous enttäuschte Assistentin Franzi holt Ballauf und Schenk an der Wurstbude ab und geht mit ihnen ins Kino. Arm in Arm laufen sie aus dem Bild, dem Sonnenuntergang entgegen. Das ist schön und gefällig – und ein Jammer wegen dem dadurch verheizten, zweitletzten Bild. Diesen Tatort hätte man ohne schlechtes Gewissen eine halbe Minute früher enden lassen können. Dann wäre das letzte Bild jenes des aufgeflogenen Doppelfamilienvaters gewesen, der allein und verlassen in der Industriebrache steht, nachdem seine Frau sich weigerte, ihn im Krankenauto mit ins Spital zu nehmen, und auch die zwei Kommissare sich zu fein waren, um den Hochstapler in die Stadt zu fahren.

Was vom Tatort “Trautes Heim” bleibt

Der Kölner Tatort kann also doch auch heikle, tendenziell empöristische Themen ohne zu viel moralinsaures Brauchtum und ohne mechanisches “Gut-und-Böse-mit-der-Stoppuhr-gegeneinander-Abwägen” rüberbringen. Der Tatort “Trautes Heim” ist gute Unterhaltung. Es lohnt sich, den Fall Mediathek nachzugucken.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.

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