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Kommentatort 31

Rauchen gefährdet Ihre Ermittlungen

Der neue Münsteraner Tatort „Hinkebein“ zeigt Polizeigrenadier-Potenzial bei Kommissar Thiel und lässt Staatsanwältin Klemm an ihrem Tabakkonsum (ver-)zweifeln.

Eine Frau besucht Boerne. Sie war Polizistin und Boernes Geliebte. Sie nennt ihn Tiger und domestiziert das Sparschwein in ihm, bis er tausend Euro für sie lockermacht. Bei ihr wird später eingebrochen. Der Einbrecher humpelt und stellt sie zur Rede: Die beiden vereint eine düstere Vergangenheit. „Hinkebein“ wurde Jahre zuvor aufgrund von Ermittlungen der Ex-Polizistin des Mordes überführt. Er beteuerte seine Unschuld und floh nach Asien ins buddhistische Kloster. Von dort ist er nun zurück. Auch auf Boerne hat er es abgesehen, denn der schrieb das Gutachten, das zu seiner Verurteilung führte.

Derweil langweilt der Besuch einer russischen Delegation auf dem Kommissariat Kommissar Thiel. Er ist froh, als die Nachricht kommt, dass eine Leiche gefunden wurde. So kann er sich aus dem Staub machen. Mit dem Rad, wie es in Münster Gewohnheit ist, macht sich Thiel auf den Weg zum Leichenfundort. Es soll, so viel Indiskretion sei dem Kommentatort gestattet, bei Weitem nicht der letzte und auch nicht der spektakulärste sportliche Einsatz des Kommissars bleiben.

Nichts vom Tod seiner Besucherin ahnend macht Boerne in einem japanischen Kostüm Qi Gong und lässt in Lautstärke Urwald Richard Wagner erschallen, sodass er die Anrufe seiner Kollegen verpasst. Sein besseres Viertel, Assistentin Alberich, muss also die Arbeit alleine erledigen und die Leiche für ihn untersuchen. Wenig später fährt Boerne vor und empört sich über die Amtsanmassung seiner Assistentin. Dann macht er sich daran, seine Ex-Geliebte auseinanderzunehmen. Es folgt eine der brutalsten Szenen der diesjährigen Tatortproduktion. Sie ist deswegen so eindringlich, weil sie ganz auf Boernes Leichenschnipplerei und sein Gelaber abstellt und keine Brutalo-Effekte bemüht wie neulich der Weaner Ballerfilm. Statt lauter Rättätätätä zu sehen, lernen wir den Begriff „paradoxes Entkleiden“ (auch genannt „Kälte-Idiotie) kennen. Er bezeichnet die Tatsache, dass sich Erfrierende kurz vor dem Kältetod aufgrund eines Hitzeempfindens entkleiden. Aha – fuhr nicht der Ex-Mann der Toten einen Kühllaster?

Zwischen der Spurensuche, der Jagd nach Hinkebein und dem Besuch der russischen Delegation entwickelt sich ein Tatort, der es in sich hat. Einige Ungereimtheiten bleiben aber auch bei diesem Film. Wie konnte der Täter vom Treffen zwischen Thiel und Hinkebein wissen? Wie konnte man angesichts der Leiche und der Spuren auch nur für eine Sekunde von einem natürlichen Tod ausgehen? Weshalb schaffte der Mörder die Tote, nicht aber deren Kleider weg? Warum werden die ablenkenden Tatverdächtigen so lieblos aufgebaut, dass man nicht länger als einige Minuten an ihre Täterschaft glaubt?

„Hinkebein“ arbeitet mit ganz klassischen Elementen, ohne die Komplikationen des letzten Münsteraner Tatorts. Eine entscheidende Spur ist ein Schuhabdruck im Blumenbeet. Auch der Mutter-Tochter-Konflikt könnte klassischer kaum sein. Anstatt nur Klischees abzuhaken, modernisiert „Hinkebein“ seine Figuren auf unwiderstehliche Weise. Grossartig ist der Einsatz des Ein-Mann-Sondereinsatzkommandos. Hier führt ein sportlicher Exploit gar zum Undenkbaren: Der hochgelahrte Leichenschnibbler Boerne bedankt sich bei „Hauptschüler“ Thiel. Ohne das viele Qi Gong wäre er nicht so weit über seinen Schatten gesprungen! Auch dafür, dass ausgerechnet die kettenrauchende Staatsanwältin Klemm unfreiwillig einen Vorschlag für einen neuen Zigarettenpackungs-Warnaufdruck macht („Rauchen gefährdet Ihre Ermittlungen!“) schliesst man diesen Film ins Herz. Gelungen ist das Spiel mit der möglichen Vaterschaft Boernes: Da hält man es sekundenweise doch glatt für möglich, dass Boerne der Vater von der Tochter der Toten ist. Wie gut, dass Boerne nicht in den Topf „Tatortfiguren mit unehelichen Kindern“ geworfen wird.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 5.5.

 

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