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Kommentatort 62: Tatort “Die schöne Mona ist tot”

Der neue Konstanzer Tatort “Die schöne Mona ist tot” beginnt stark, bevor er ins Mittelmass versinkt. Das ist schade um die stark gespielte Nebenrolle.

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Wenn die schöne Mona Seitz, so lange sie noch nicht tot ist, vom Finanzhai und Ex-Liebhaber Fritz Schönborn ihre Kohle zurück will, zieht sie was knappes Rotes an und setzt sich auf den Billiardtisch. Das bleibt nicht unbemerkt: Auch nach vielen Jahren Ehe, die Mona von ihrem Ex Fritz entfremdeten, knistert es zwischen den beiden also zumindest im Zusammenhang mit Investment-Tips noch. Zu dumm nur, dass der Finanzhai, der in Tat und Wahrheit eher eine Art Vermögensverwalter-Grundel ist, das Geld in Island verheizt hat. Von dem Geld sind nur noch Cents übrig. Wie weit die Finanz-Grundel wohl, von obigen Avancen abgesehen, gehen wird, um sein marodes Finanzgeschäft und seine Familie zu schützen?

Mona Seitz (tatsächlich sexy: Silke Bodenbender) ist “Die schöne Mona”, eine trinkfeste, abenteuerlustige Frau aus irgendeinem Kaff am Bodensee. Sie tanzt gern und macht, seit Jugendtagen, an jeder Hundsverlochete mit: gerne mit viel Flirten und sexuellem Eskapismus. Ihr Mann, Christian Seitz (als ausgebrannter Journalist düster: Sylvester Groth) ist darüber nicht angetan, verfolgt sie bis an den Schauplatz ihrer neuesten Party – schaut dann aber nur durchs Fenster zu, wie Mona feiert und Polonaise tanzt. Es kommt nicht – noch nicht? – zur Eskalation.

Das Versprechen der ersten Minuten

Auf dem Rückweg von der Sause wird die schöne Mona von einem Pickup verfolgt und von der Strasse gedrängt. Sie kracht eine Klippe hinab. Spätestens jetzt ist dem letzten Skeptiker klar: Doch, doch, “Die schöne Mona ist tot” ist schon ein Konstanzer Tatort – kracht doch die sexy Mona aufs Ufer des Schwabenmeers. Ohne dieses zugegebenermassen eindrückliche Gewässer geht ja in Sachen Konstanzer Tatort gar nichts. Die Verortung tut den Zuschauern gut: hat sich doch alles bisher so spannend ausgenommen, dass man sich glatt im falschen Film wähnte, in einem spannenden Blum-Tatort. Ob das Versprechen der ersten Minuten eingelöst werden kann? Fällt der Tatort “Die schöne Mona ist tot” aufs gewohnte Mittelmass zurück, welches die schlafmedizinische Verwertbarkeit der hiesigen Tatort-Schaffe ausmacht?

Boreout und Burnout

Die Ausganglage macht stutzig: Von der schönen Mona ist weit und breit nichts zu sehen. Sie befindet sich nicht im Unfallauto; Schleifspuren führen von ihrem Wagen weg. Nur Monas knallrotes Kleidchen wird aus dem See gefischt. Klara Blum und Kai Perlmann tauchen auf: Wer macht sich denn schon die Mühe, ein Unfallopfer zu entführen? Das ist hier die Frage. Schnell geraten die Kommissare an den Ex-Kaff-Liga-Fussballgott Fritz Schönborn (brilliert als bulliger Bärenaufbinder: Ronald Zehrfeld). Seit seinen besten Tagen befindet er sich auf dem absteigenden Ast, orgelt als Finanzheini naiven Anlegern Tausende Euro aus den Taschen, die er mit seinem verstopften Riecher für Bombengeschäfte in isländische Wertpapiere oder in unter Naturschutz gestellte Baulandparzellen investiert. Ein weiterer Verdächtiger ist der hässliche Mann an der schönen Monas Seite, der Lokalblatt-Chefredakteur Christian Seitz. Der ist aus liebe hierher gezogen, weil er seine Frau vergöttert und ihre Nähe suchte. Hier residieren die beiden am See, in einem zur bewohnbaren Küche umfunktionierten Dutzendwarehaus. Die grosse Küche braucht Seitz, um sich beim Kochen von seinem jobmässigen Boreout und dem eifersuchtsmässigen Burnout zu erholen.

Koch- statt Krisenherd

Christian Seitz ist ein ehemaliger Kriegsberichterstatter, der für seine Krisenherd-Reportagen Preise einheimste. Er ist in seinem Job als Chef des lokalen Käseblatts heillos unterfordert. Wenigstens hat er dadurch die Musse, seiner schönen Mona nachzuschnüffeln und den einen oder anderen Skandal aufzudecken. Seine Zeitung sorgte denn auch für das Platzen einer Baulandspekulation, bei der so ziemlich das ganze Kaff in die Kreide geriet. Nur gerade Mona und er schafften, im Besitz von Insiderinformationen, rechtzeitig den Absprung aus der Baulandspekulation. Der Bruder der schönen Mona will Christian Seitz nicht nur deshalb ans Lebendige: Auch fürchtet er um das Leben seiner Schwester.

Sätze fürs Poesiealbum

Kai Perlmann und Klara Blum bleibt, sowohl von der Sendezeit her als auch angesichts so vieler offener Fragen, nichts übrig, als seufzend die Ermittlungen aufzunehmen. Dabei metzgen sie sich, muss man zugeben, im Vergleich zum hiesigen Standard, nicht schlecht. So kommt Frau Blum leichter daher, streckenweise fast beschwingt – natürlich ohne auf ihre Markenzeichen gewordenen Orakeleien zu verzichten. Der Kleiderständer an ihrer Seite darf renitente Zeugen in die Zange nehmen, was ihm sekundenweise so etwas wie Bildschirmpräsenz verleiht. Jedoch wird mithilfe eines überstrapazieren Running-Gags (Perlmann: “Keine Leiche, kein Mord, kein Mord, kein Mörder!”), klargemacht, dass der erste positive Eindruck vom Tatort “Die schöne Mona ist tot” täuschte. Auch dass Frau Blum ab und an ein Liedchen summt, bewahrt nicht vor dem Rückfall in die patentgemeldete Konschdanzer Behäbig- und Beliebigkeit. Das ist nicht verwunderlich, wie ein Blick in die Beschreibung der Episode zeigt: dort wird geschwurbelt, dass Klara Blum ein “Geflecht aus Liebe, Verachtung und Lüge aufzudröseln” habe. Wenn es sonst nichts weiter ist, dann Prost! – Das sind Sätze fürs Poesiealbum, nicht für einen ordentlichen Tatort.

Lichtblicke und Fantasien

Lichtblicke hat auch der Tatort “Die schöne Mona ist tot”. So darf der verdächtige Spekulant die Formulierung produzieren: “Ich streite jeden Streit ab.” – Das ist eine drollige Kaprize, die amüsiert. Sie macht die Sache geringfügig besser und passt gut zu dieser ausgezeichneten Nebenrolle, die das Stammensemble überragt. Wie gehabt weiss man auch im Tatort “Die schöne Mona ist tot” allfällige Spannung zu ersticken. In der Frage nach dem Verbleib der Verunfallten verfällt man auf einen überkomplizierten Dreh. So verkommt die Geschichte um die verschwundene Mona zur obskuren Rachefantasie.

Eine Leiche zum Dessert

Auch der Tatort “Die schöne Mona ist tot” tut, was hier Tradition ist: einen halbgaren Fall verkochen und versalzen. Es drängt sich der Eindruck auf, als sei man vor den eigenen Mut erschrocken. Anders lässt sich die in den letzten fünf Minuten reingewürgte Leiche nicht erklären. Der Mord macht indes wenig klar – schon gar nicht, wer damals, vor unglaublich länglichen 87 Minuten, den Autounfall provoziert haben soll. Das interessiert um diese Uhrzeit längst nicht mehr: So stoisch macht auch dieser Blum-Tatort, vielversprechender Anfang hin oder her.

Was vom Tatort “Die schöne Mona ist tot” bleibt

Ohne Leiche, Mord und Mörder war lange genug kein Tatort möglich. Hier hätte “Die schöne Mona ist tot” Spielraum gehabt für eine spannende, nötige Hinterfragung des Mords zum Sonntag. Es wurde unlängst beeindruckend vom Berliner Tatort “Machtlos” vorgeführt. Leider nutzt der Tatort “Die schöne Mona ist tot” diese Freiheit nicht – oder nur, um eine weitere der gefürchteten Komplikationsspiralen, die so tatorthodox geworden sind, in Gang zu setzen. Schade. Schnarch.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 3.

 

Dieser Kommentatort erschien in gekürzter Fassung auch auf www.tatort-fundus.de.

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